Opferlichte stehen in einer Kirche.
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Der Benediktinerbruder Thomas Quartier über den Tod im Kloster

Wenn ein Mönch stirbt

Im Kloster gibt es so etwas wie einen Wegweiser für das Abschiednehmen. Besondere Riten und Bräuche sollen dabei helfen. Der Benediktinermönch Thomas Quartier erklärt, wie Ordensleute trauern.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 03.07.2018

Frage: Bruder Thomas, wie geht man im Kloster mit dem Tod eines Mitbruders um?

Bruder Thomas Quartier: Das Leben im Kloster steht für einen Moment still, wenn ein Mitbruder stirbt. Ich empfinde es als sehr hilfreich, wenn es Regeln und Rituale gibt, mit der Trauer auch persönlich umzugehen. Jeder Mensch muss mit seinem Schmerz schließlich irgendwohin, und Trauer braucht Zeit. Im Kloster werden diese schmerzlichen Emotionen nicht einfach weggedrückt, sondern symbolisch kanalisiert. Wer bewusst Abschied nimmt, kann damit auch seine Gefühle heiligen.

Frage: Welche Rollen spielen dabei die Psalmen?

Quartier: Üblicherweise werden bei uns im Kloster am Bett eines Sterbenden die Psalmen gesungen. Die uralten Gedichte aus der Bibel helfen uns dabei, den Schmerz über den Tod eines geliebten Mitbruders zuzulassen und Trost zu finden. Ich empfinde nicht nur Trauer und Wut tiefer, sondern auch Dankbarkeit über das Leben eines Mönches. All diese Gefühle kommen auch in den Psalmen vor. Der Psalmbeter kennt die menschlichen Abgründe und Sorgen. Beim Beten der Psalmen fühle ich mich in eine große Gebetsgemeinschaft aufgenommen. Ich finde darin Frieden und kann versöhnt meine Trauer in Gottes Hände legen. Psalm 23 ist mein Lieblingspsalm. Es heißt da: "Wohnen darf ich im Haus des Herrn für lange Zeit". Das ist kein billiger Trost, sondern ein großes Vertrauen, so dem Tod begegnen zu können.

Ein Mönch betet aus dem Stundenbuch einen Psalm.

Frage: Gibt es besondere Rituale im Kloster, um der Verstorbenen zu gedenken?

Quartier: Eine besondere Form des klösterlichen Totengedenkens findet im Speisesaal statt. Stirbt ein Mitbruder, wird 30 Tage lang das Tischgedeck des Verstorbenen weiterhin aufgelegt. In der Trauerforschung hat man festgestellt, dass ein Mensch durchschnittlich diese Zeit braucht, um seine größte Trauer zu verarbeiten. Danach ist die Trauer sicher noch nicht beendet, aber solch ein Ritual kann dabei helfen, die Trauer zuzulassen und sie sinnvoll im eigenen Leben zu integrieren. In einigen anderen Klöstern wird der Platz des Verstorbenen im Speisesaal zwar auch leergehalten, aber man stellt keinen Teller oder ein Bild des Toten auf, sondern ein Kreuz. In manchen niederländischen Abteien gibt es auch den Brauch, dieses Kreuz mit einer Rose zu schmücken. So entsteht nicht der Eindruck, der verstorbene Mitbruder wäre noch unter uns und esse mit uns. Denn es geht uns nicht um Personenkult, weil das Kloster kein Ort für Selbstverwirklichung sein soll. Oft erlebe ich es in der modernen Trauerkultur, dass Menschen ihre Verstorbenen in der Nähe halten wollen. Aber es ist nicht gesund, wenn jemand so tut, als sei der Verstorbene noch da. Denn wir müssen sie loslassen. Daher kann ein symbolisches Gedenken dabei helfen, Abschied zu nehmen. Der leere Platz am Tisch im Speisesaal soll uns Mönche daran erinnern, dass der Tote schon den Weg nach Hause zum Schöpfer voraus gegangen ist, der uns noch bevorsteht. Ich finde das Bild des Heimgehens sehr schön.

Frage: Wie erinnern Sie sich im Kloster an verstorbene Mitbrüder?

Quartier: Nach dem Abendessen verlesen wir im Kloster das Nekrologium, das ist eine Art Gedenkschrift auf die Verstorbenen des Tages. Manchmal werden einzelne Charakterisierungen des verstorbenen Mitbruders mit einem Augenzwinkern besonders hervorgehoben, ohne jedoch in übertriebene Scherzhaftigkeit zu verfallen. Diese Leichtigkeit gehört durchaus zum Umgang mit dem Tod. Unsere verstorbenen Mitbrüder haben so immer einen festen Platz in unserer Gemeinschaft. Zwar heben all diese Bräuche auch die Individualität des Einzelnen hoch, aber es ist für uns eher eine Form der Würdigung des Lebens dieses Menschen für die Gemeinschaft. Denn der Tod ist ein Gleichmacher, wir werden "alle gemeinsam zum ewigen Leben geführt", wie der Heilige Benedikt in seiner Ordensregel schreibt.

Thomas Quartier (46) ist Benediktinermönch der Abtei St. Willibrod in Doetinchem in den Niederlanden und Professor für Monastische Studien an der Katholischen Universität Leuven. Er lehrt an der Universität Nijmegen und an der San Anselmo Universität in Rom.

Frage: Haben Sie besondere Abschiedsrituale im Kloster?

Quartier: Wir Mönche tragen im Kloster täglich das gleiche Ordenskleid. In diesem Ordenskleid werden wir auch begraben. Dahinter steckt der Gedanke: Wenn wir vor Gott treten, ist jeder gleich. Der Habit eines Benediktiners ist schwarz. Auch diese Farbe will daran erinnern, dass es darum geht, die Dunkelheit des Todes zuzulassen, auszuhalten und durch sie hindurchzugehen. Nur so ist es möglich, sie zu verarbeiten. So wie jeder Mönch zu Lebzeiten die gleiche Kapuze trägt, bekommt er auch nach seinem Tod dieselbe Verabschiedung. Der Verstorbene liegt in seinem Habit im Sarg. Der Abt zieht ihm dann symbolisch die Kapuze tief ins Gesicht. Die Augen werden so komplett verdeckt. Mich beeindruckt diese Abschiedsgeste immer sehr. Sie will deutlich machen, dass wir unseren Blick nicht auf die irdischen Dinge richten sollen, sondern auf den Himmel. Auch hier geht es wieder um das Loslassen. Nach dem Tod gibt es im Kloster keine Erbschaftsstreitigkeiten, denn mit dem Eintritt ins Kloster übergeben wir unsern Besitz der Gemeinschaft. Alles gehört allen, und das bleibt natürlich so.

Heute haben viele Menschen konkrete Wünsche für ihre Bestattung und die Trauerfeierlichkeiten. Sie wollen selbst festlegen, was nach ihrem Tod passiert. Im Kloster gibt es das nicht. Die Tradition und die Gemeinschaft bestimmen, wie der Abschied stattfindet. Ich empfinde das als Erleichterung. Normalerweise finden wir Mönche auf unserem Klosterfriedhof die letzte Ruhestätte. Dort stehen die Ordensnamen der Toten auf den Grabsteinen. Auch die Steine sind exakt einheitlich gestaltet. Alle haben dieselbe Form und Gestalt, egal, ob hier ein Bruder oder ein Abt begraben liegt. Wohl sind auf den Steinen in unserem Kloster spirituelle Embleme eingemeißelt, wie eine Taube oder Musiknoten, je nachdem welche Aufgaben oder Begabungen der Mönch in der Gemeinschaft hatte. Das ist eine schöne Art, wie man persönliches Gedenken mit spiritueller Bedeutung versehen kann. Bemerkenswert ist auch, dass auf dem klösterlichen Grabstein nur der Sterbetag vermerkt wird, der als himmlischer Geburtstag gilt. Das Geburtsdatum des Mönches ist schlicht nicht mehr relevant.

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Eine Erinnerungswand mit Namen von verstorbenen Mitbrüdern in der Benediktinerabtei Gerleve.

Frage: Welche Rolle nimmt der Tod bei den Benediktinern ein?

Quartier: Der heilige Benedikt schreibt in der Ordensregel im vierten Kapitel, dass es ein geistliches Werk sei, sich den "unberechenbaren Tod täglich vor Augen zu halten". Diese Haltung betreibt der Mönch jeden Tag. Früher gab es sogar eine Grußformel. Wenn zwei Mönche einander begegneten, sagte der eine "Memento mori" und der andere erwiderte mit "Deo gratias". Es ist auf diese Weise leichter, den Tod bewusster ins eigene Leben zu integrieren und so vielleicht intensiver zu leben. Der plötzliche Tod eines geliebten Menschen kann jederzeit eintreffen. Wenn ich als Ordensmann ins Kloster eintrete, lasse ich das weltliche Leben los und übe das tägliche Abschiednehmen ein. Vielleicht wird sogar das Sterben so einmal leichter. Als Christ glaube ich daran, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Das ist meine große Hoffnung. Der Tod ist für mich wie ein Übergang in ein neues Leben bei Gott. Wenn jemand stirbt, sagen wir in unserer Gemeinschaft auch gerne: "Wir gönnen ihm nun seinen Himmel". Das ist mein Wunsch für alle Verstorbenen.

Zur Person:

Thomas Quartier (46) ist Benediktinermönch der Abtei St. Willibrod in Doetinchem in den Niederlanden und Professor für Monastische Studien an der Katholischen Universität Leuven. Quartier lehrt außerdem an der Universität Nijmegen und an der Benediktinischen Universität San Anselmo in Rom. Sein aktuelles Buch trägt den Titel "Heilige Wut – Mönch sein, heißt radikal sein" und ist 2018 bei Herder erschienen.

Von Madeleine Spendier

Eine weiße Taube hebt sich in den Himmel.

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