Wenn Vater und Sohn am Altar stehen
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Bei den Hellers ist der Vater Diakon und der Sohn Priester

Wenn Vater und Sohn am Altar stehen

Manchmal führt es zu verdutzten Gesichtern, denn allzu häufig kommt es nicht vor, dass Vater und Sohn gemeinsam einen Gottesdienst leiten. Wie es bei ihnen dazu kam, erzählen Hans und Daniel Heller im Interview.

Von Agathe Lukassek |  Altshausen - 08.06.2017

Frage: Zwei Geistliche in der Familie – wie reagiert Ihr Umfeld darauf, dass der Vater Diakon ist und der Sohn Priester?

Diakon Hans Heller: Die Leute reagieren überwiegend positiv. Öfters habe ich aber auch mit Bezug auf Daniel gehört: "Pfarrer in der heutigen Zeit? Er wäre doch sicher auch ein guter Familienvater geworden." - Allerdings ist heute immer noch vielen nicht bekannt, dass auch der Diakon wie der Priester und der Bischof ein geweihter Amtsträger ist und deshalb zum "Klerus" zählt. Wenn wir dann etwa zusammen am Altar stehen und uns vorstellen, kommt es schon zu verdutzten Gesichtern. Für manche Gottesdienstbesucher war es anfangs teilweise schwierig zu verstehen, wie das gehen soll: der Vater Diakon und der Sohn Priester.

Frage: Wie kam es, dass Sie Ständiger Diakon werden wollten; stammen Sie aus einer religiösen Familie?

Hans Heller: Ja, ich bin durch ein christliches Elternhaus geprägt. Als ich zwei Jahre alt war, starb mein Vater, und meine Mutter hat mich und meine beiden älteren Brüder alleine erzogen, auch religiös. Ich war in meiner Heimatgemeinde Hüttlingen im Ostalbkreis Ministrant und ab meinem elften Lebensjahr bei Redemptoristen-Patres auf einem humanistischen Gymnasium mit Internat.

Als Kind war es nach einer Volksmission im Ort mein ursprünglicher Berufswunsch, Missionar oder Priester zu werden. Es kam dann aber so, dass einer meiner Brüder Comboni-Missionar wurde, und ich Drogist. Ich habe meine künftige Frau kennengelernt und im Jahr 1975 geheiratet.

Hans Heller

Hans Heller, Jahrgang 1941, war als Drogist viele Jahre im Prüfungsausschuss an der Drogistenfachschule. Von 1978 bis 1990 arbeitete er im Referat Weltkirche der Diözese Rottenburg-Stuttgart als "Organisator" der Kleidersammlung "Aktion Hoffnung" mit dem dazugehörigen Bereich "Missionarische Bewusstseinsbildung" sowie dem Im-und Export von Missionsgütern. Ab 1991 war er "Diakon im Zivilberuf" und hauptberuflich Geschäftsführer des Malteser Hilfsdienstes in Altshausen im Landkreis Ravensburg. Von 1998 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2006 war er hauptamtlicher Diakon in der Diözese. Hans Heller ist seit 1975 verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

Frage: Wann erfuhren Sie vom Ständigen Diakonat und wann haben Sie sich entschieden, diesen Weg einzuschlagen?

Hans Heller: Ich habe durch meinen Bruder davon erfahren und durch eine mir nahestehende Vinzentinerin, die im Marienhospital Stuttgart diakonisch tätig war. Nach dem frühem Tod meines Bruders durch einen Verkehrsunfall in Südafrika habe ich den Drogistenberuf an den Nagel gehängt und fortan als Organisator im Bereich "Weltkirche" für die Diözese gearbeitet. Dafür bin ich mit meiner Frau und unserem ersten Sohn für einige Jahre nach Rottenburg gezogen. Nach rund drei Jahren bei der Kirche habe ich mich 1981 dazu entschieden, Diakon zu werden. Auf die Entscheidung hin folgte eine insgesamt zehnjährige Ausbildung, weil ich als Pendler aus Oberschwaben – wo wir inzwischen zu viert hinzogen – und als Familienvater nicht an allen Ausbildungskursen teilnehmen konnte. Heutzutage läuft die Ausbildung jeweils in einem festen "Weihekurs" gestraffter ab und dauert vier Jahre.

Frage: Die Ausbildung begann im Geburtsjahr von Daniel. Haben Sie Kindheitserinnerungen an diese Zeit?

Daniel Heller: Ja, das habe ich. Bei der Weihe meines Vaters im Jahr 1991 war ich bereits zehn Jahre alt und mein Bruder 15. Zuvor waren wir als ganze Familie immer wieder gemeinsam auf Kursen, häufig in den Klöstern Reute und Heiligkreuztal. Ich erinnere mich daran, dass ich diese Wochenenden schön fand. Wir Kinder haben die Familien der anderen Weihekandidaten kennengelernt und mit ihnen Zeit verbracht. Wir wurden gut betreut und spielten viel miteinander oder ich spielte oder machte Spaziergänge mit meinem großen Bruder.

Frage: Was waren nach der Weihe Ihre Aufgaben als Diakon?

Hans Heller: Zunächst war ich ein "Nebenberuflicher Diakon", wie das damals noch hieß – heute lautet die Bezeichnung "Diakon mit Zivilberuf". Im Hauptberuf war ich Geschäftsführer beim Malteser Hilfsdienst in Altshausen bei Ravensburg. Von dieser Tätigkeit waren auch meine diakonischen Aufgaben geprägt, mein Schwerpunkt lag auf der "Alten- und Krankenpastoral" unter dem Leitwort "Wahrung des Glaubens – Hilfe den Bedürftigen".

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Als neugeweihter Priester spendet Daniel Heller seinem Vater Hans Heller im Jahr 2013 den Primizsegen.

Von 1998 bis zu meinem Ruhestand im Jahr 2006 war ich dann hauptamtlicher Diakon in der Seelsorgeeinheit Altshausen. Ich habe nachgezählt, dass ich bis zum Eintritt in den sogenannten Ruhestand rund 3.500 Krankenbesuche gemacht habe. Und auch jetzt noch übersetze ich für mich "das Diakon i. R." als "Diakon in Ruf- und Reichweite" und bin bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen in der Seelsorgeeinheit voll eingebunden. Insbesondere bei Trauergottesdiensten werde ich von meiner Frau unterstützt, denn sie ist Lektorin und kann dabei somit Lesung und Fürbitten übernehmen.

Frage: Wie war es für Sie, Ihren Vater am Altar zu sehen?

Daniel Heller: Am Anfang seiner Tätigkeit war es für mich etwas seltsam, denn ich habe auch regelmäßig bei meinem Vater im Gottesdienst ministriert und ihn somit nicht "nur" als meinen Vater zu Hause, sondern eben auch als Leiter des Gottesdienstes erlebt. Aber im Laufe der Zeit stieg mehr und mehr mein Stolz darüber, meinen Vater als Leiter der Gottesdienste am Altar zu haben.

Frage: Haben Sie sich je überlegt, Ständiger Diakon zu werden?

Daniel Heller: Ich habe in meinem Kopf alle Berufe innerhalb der Kirche "durchgespielt", aber mir war hinsichtlich des Berufes als Diakon klar, bis zur Weihe eine abgeschlossene Berufsausbildung, ein bestimmtes Mindestalter und bis dahin eine Familie gegründet haben zu müssen. Das waren mir gedanklich zum Zeitpunkt meiner Überlegungen zu viele "Hürden".

Frage: Wie waren die Reaktionen auf den Berufswunsch Priester?

Hans Heller: Ich habe mich gefreut, denn ich hätte zwar nicht gedacht, dass einer meiner Jungs einen Seelsorgerberuf einschlägt, aber doch innerlich gehofft. Daniel hatte allerdings schon mit neun Jahren in der Grundschule in einem Aufsatz "Was ich mal werden will" formuliert: "Bundeswehr (Boot fahren), anschließend Priester, um der Kirche zu dienen".

Daniel Heller

Daniel Heller wurde 1981 in Tübingen geboren und wurde in Rottenburg von Bischof Georg Moser getauft. Nach dem Theologiestudium in Augsburg und Rom sowie einem Gemeindepraktikum wurde er Priesteramtskandidat in seiner Diözese Rottenburg-Stuttgart. Am 6. Juli 2013 wurde er in Weingarten zum Priester geweiht. Im Anschluss war er je zwei Jahre Vikar in Giengen an der Brenz und in Wendlingen im Landkreis Esslingen. Ab September wird er mit einem halben Stellenumfang als Ministrantenseelsorger des Bistums in Wernau und mit der anderen Hälfte als Pfarrvikar in der Seelsorgeeinheit Guter Hirte – Kolumban in Wendlingen tätig sein.

Daniel Heller: Das wusste ich schon gar nicht mehr, aber meine Eltern haben diese Information meinem geistlichen Begleiter erzählt, der sie dann prompt in seiner Predigt bei meiner Primiz brachte. Aber es war schon so, dass ich durch die Tätigkeit meines Vaters bereits als Kind den Beruf des Priesters etwas näher kennengelernt habe. So war etwa der Pfarrer bei uns regelmäßig zum Mittagessen da, er gab an meiner Schule Religionsunterricht, ich war Ministrant und sang im Knabenchor. Durch die katholische Sozialisierung kam für meine Familie also nicht völlig überraschend, dass ich gerne einen Beruf in der Kirche ergreifen wollte. Trotzdem bin ich nicht gleich nach dem Abitur Priesterseminarist geworden.

Frage: Sondern wann?

Daniel Heller: Ich dachte ursprünglich, meine Leidenschaft für Musik und Gottesdienst beziehungsweise Kirche beruflich irgendwie kombinieren zu können. So plante ich, Religions- und Musiklehrer zu werden und dazu noch privat Schüler und Schülerinnen in Klavier und Orgel zu unterrichten. Aber nach Bundeswehr und einem Sprachenjahr zum Erwerb der für das Theologiestudium nötigen Kenntnisse in Latein, Griechisch und Hebräisch habe ich mich gegen ein Kirchenmusikstudium und für Theologie auf Diplom entschieden. Was im Anschluss kommen sollte, habe ich zunächst offen gelassen. Nach dem Studium in Augsburg und Rom habe ich während eines einjährigen Gemeindepraktikums in Tübingen den Priesterberuf für mich gewählt. Auf irgendeine Weise habe ich die beiden Leidenschaften Musik und Kirche aber auch jetzt in meinem Beruf als Priester aus meiner Sicht gut kombiniert. Auch als Priester habe ich immer wieder Gelegenheit bei verschiedensten Gelegenheiten – beispielsweise Seniorentreffen oder innerhalb der Erstkommunionvorbereitung – Lieder am Klavier oder der Orgel zu begleiten.

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Was ist ein Priester? Ein Beitrag der Zeichentrickserie "Katholisch für Anfänger".

Frage: Wie oft feiern Sie gemeinsam Gottesdienste?

Hans Heller: Ja, ich durfte bei Daniels Diakonenweihe durch Bischof Gebhard Fürst in Stuttgart am Altar als Diakon mitwirken, sowie beim Primizgottesdienst in seiner Heimatgemeinde Altshausen. Seit er Vikar ist und weiter weg wohnt, bin ich gern gesehener Gast in seinen Messen und übernehme gelegentlich dabei auch die Predigt. Auch den letzten Fronleichnamsgottesdienst haben wir gemeinsam gefeiert und ich habe anschließend bei der Prozession die Monstranz getragen. Mich erfüllt es mit Dankbarkeit, dass der Herrgott mir dieses besondere Geschenk zukommen ließ, zumal ich wohl der einzige Diakon in der Diözese bin, dessen Sohn Priester ist.

Daniel Heller: Es freut mich immer sehr, meinen Vater bei Gottesdiensten so nah an meiner Seite haben zu können. Wir wohnen inzwischen 140 Kilometer voneinander entfernt, können uns also nur ungefähr alle sechs Wochen besuchen. Und wir verbringen Weihnachten auf eine besondere Art und Weise.

Frage: Inwiefern? Priester müssen doch an Weihnachten arbeiten…

Daniel Heller: Ja, die meisten Geistlichen feiern Gottesdienste und können oft erst am 26. Dezember zu ihrer Familie aufbrechen. Bei uns ist es umgekehrt: Meine Eltern kommen ein, zwei Tage vor Heiligabend zu mir und dann verbringen wir die Zeit gemeinsam in der Familie – auch in der Liturgie. Dann macht mein Vater auch seinen Dienst und meine Mutter ist dabei. Bei uns ist es so, dass mein Bruder an Feiertagen viel arbeitet, denn er ist in der Gastronomie. Ihn besuchen wir dann im Anschluss am zweiten Weihnachtsfeiertag oder danach.

Frage: Besteht bei Ihnen beiden ein Wunsch zu einem besonderen Gottesdienst, wie etwa mal gemeinsam bei einer Papstmesse zu feiern oder an einem Wallfahrtsort, der Ihnen viel bedeutet?

Daniel Heller: Derartige Wünsche habe ich nicht. Vielleicht ergibt es sich einmal, dass wir Hochzeiten und Taufen im Familienkreis gemeinsam feiern. Für mich war es jedenfalls ein großes Erlebnis, meinen Vater am Tag meiner Diakonenweihe und Primiz am Altar in seinem Dienst als Diakon zu haben. Und Ich hoffe, dass wir insgesamt noch viele Jahre gemeinsam am Altar unseren Dienst tun können, egal an welchem Ort auch immer.

Von Agathe Lukassek