Franziskus besucht Benedikt XVI. zum traditionellen Weihnachtsbesuch.
Kolumne: Römische Notizen

Wenn zwei Päpste "Tür an Tür" leben

So was gab es nie zuvor – und ist jetzt schon seit sechs Jahren normal: Zwei Päpste, die Nachbarn sind und fast beste Freunde. Franziskus und Benedikt leben beide im Vatikan. Der eine regiert, der andere ist pensioniert. Wie das so läuft? Unsere Kolumnistin Gudrun Sailer wirft den Zeitraffer an.

Von Gudrun Sailer |  Rom - 18.02.2019

Gudrun Sailers Kolumne Römische Notizen (Bildquelle: Fotolia.com/Delphotostock/BillionPhotos.com)

Perioden mit mehreren zugleich lebenden Päpsten waren meist recht unerquicklich für die Christenheit. Das gilt besonders für Abschnitte mit Gegenpäpsten: Je zwei bis zu drei mächtige Kirchenfürsten rangen um die Herrschaft und wünschten sich wechselseitig die Pest an den Hals – ein Setting, das der christlichen Friedensbotschaft in der Welt wohl eher nicht voranhalf. Unerfreulich verlief die Dynamik selbst nach ganz integer gemeinten Papst-Rücktritten, so im Fall des Coelestin V., der 1294 nur Monate nach seiner Wahl abdankte. Obwohl Coelestin ausdrücklich erklärte, er verzichte "auf den Thron, die Würde, die Last und die Ehre" des Amtes, fürchtete der Nachfolger Bonifatius VIII. um die Gefolgschaft mancher Mitstreiter. So ließ er den braven, greisen Ex-Papst ins Verlies werfen, wo dieser eineinhalb Jahre darauf das Zeitliche segnete, ein Emeritus in Ketten.

Man sieht, der Stil hat sich in 700 Jahren Kirchengeschichte auch mal zum Besseren gewandt. Benedikt XVI. verzichtete zum 28. Februar 2013 auf sein Amt, am 13. März kam der weiße Rauch, und Franziskus war gewählt. Seither sind uns Zwei-Päpste-Jahre neuer Art beschieden. Nie zuvor gab es zwei lebende Pontifices, die einander wohlgesonnen sind, die auf Spaziergangslänge voneinander entfernt wohnen, sich häufig austauschen und auch sonst keine Anstalten machen, Mutmaßungen über gegenseitige Vorbehalte in irgendeiner Art zu bestätigen.

Benedikt und Franziskus sind die ersten beiden Päpste, die einander lebend trafen. Ein Hubschrauberlandeplatz war das Set für die filmreife Premiere. Am 23. März 2013 brachte der Papst-Heli, eine Dauerleihgabe der italienischen Luftwaffe, den neuen Papst in den Garten der päpstlichen Sommerresidenz Castelgandolfo, wo Benedikt ihn bereits erwartete. Vor dem weißen Hubschrauber umarmten einander gerührt zwei Männer mit weißen Haaren, weißen Soutanen und weißen Scheitelkäppchen. In der Hauskappelle knieten sie Seite an Seite auf der weißgepolsterten Bank (weißer Sessel war nur einer vorhanden). Zwei Päpste, gemeinsam im Gebet.

Zwei Päpste, drei Wohnungen

In der Vatikanstadt sind Franziskus und Benedikt seit Jahr und Tag Nachbarn. Analog zum Sessel wohnt aber keiner der beiden im Appartment, das für den Papst, the one and only, gedacht ist. Die neue Formel geht: zwei Päpste, drei Wohnungen. Benedikt lebt als Emeritus und Eremit in einer Art Klause in den Vatikanischen Gärten, umgeben von treusorgenden Schwestern und seinem bewährten Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein. Das frühere Nonnen-Klösterchen Mater Ecclesiae scheint einer der wenigen möglichen Orte für einen Papst, der sein Amt niederlegte: abgeschirmt hinter Mauern, im Vatikan, der Zufluss an Neugierigen und der Abfluss an Informationen lässt sich unauffällig regulieren. Benedikt, bald 92, war immer ein stiller, zurückhaltender Charakter, er ist es erst recht in seinen letzten Lebensjahren, da er, wie Erzbischof Gänswein vor drei Jahren sagte, "langsam und in Ruhe erlischt wie eine Kerze".

Franziskus wiederum mied das päpstliche Appartment, weil er es als Bruch mit seinem ganzen früheren Dasein als Seelsorger und Bischof empfunden hätte, dort zu residieren. Schon in Buenos Aires hauste er lieber in einem Nebenraum statt in der Dienstwohnung des Erzbischofs. Das Appartment im Vatikan kam ihm vor wie ein "umgedrehter Trichter": groß und mit kleiner Tür, kaum jemand kann hinein. Wohler fühlt Franziskus sich in der Betriebsamkeit des Gästehauses Santa Marta, das er sich zur Residenz erkor. Auch wenn sich das maßgeschneiderte Arrangement "Mini-Suite, Vollpension (Buffet), auf Lebenszeit" heute nach Normalität anfühlt, war diese pontifikale Entscheidung vor sechs Jahren, gelinde gesagt, ein Knaller.

Gudrun Sailer ist Journalistin in Rom und Redakteurin bei "Vatican News".

Man weiß, dass Franziskus zu Weihnachten, Ostern und vor Reisen sich hügelan zu Benedikt begibt. Man weiß, dass sie einander Briefe schreiben und dass Franziskus den Rat des Älteren in schwierigen Fragen sucht. Er lädt ihn in die großen Papstmessen ein, zu denen der Emeritus jetzt schon länger nicht mehr kam – die Beine, aber auch: der Auflauf. Doch die Heilige Pforte der Barmherzigkeit im Petersdom, die durchmaß 2015 als erster Franziskus, danach sein Vorgänger. Benedikts Demut und Weisheit beeindruckten ihn tief, äußerte der amtierende Papst über den emeritierten, es sei "eine Freude, Ideen mit ihm auszutauschen" und schön, "einen weisen Großvater im Haus zu haben". Vor Medienleuten, die ihn nach Arabien begleiteten, rühmte Franziskus den alten Papst als starken Kirchenmann, der gegen die Verbrechen des Missbrauchs entschlossen eingeschritten sei.

Noch brennender interessiert sich die kirchliche Öffentlichkeit freilich für die Gegenüberlieferung: Was sagt Benedikt über Franziskus? Was denkt ein superintelligenter, geordnet argumentierender Alt-Papst, Bewahrer, Erklärer und Ästhet über seinen hemdsärmeligen Nachfolger, der die Kirche lieber staubig und verbeult in Aktion als glanzvoll in der Garage sieht?

"Eine neue Frische in der Kirche, eine neue Fröhlichkeit"

Hier der Befund, der manche erbost: Benedikt schätzt an Franziskus, dass der die Dinge anders angeht als er selbst. "Eine neue Frische in der Kirche, eine neue Fröhlichkeit, ein neues Charisma, das die Menschen anspricht", so lobt er Franziskus im Interviewband "Letzte Gespräche" mit Peter Seewald, ein Buch, über dessen Erscheinen sich viele wunderten, weil sie dachten, Benedikt werde kein Komma mehr öffentlich sagen – aber das tat er dann noch öfter. Mit Franziskus, das sei ein "wunderbar väterlich-brüderliches" Verhältnis, "meravigliosamente paterno-fraterno", beschrieb der sprachsensible Benedikt die Symbiose auf dem Vatikanhügel in einem Interview, das er Elio Guerriero gewährte. Zur Verteidigung seines Nachfolgers setzte er in einem denkwürdigen Brief an Dario Viganò an. Es gebe da dieses "törichte Vorurteil, wonach Papst Franziskus bloß ein praktisch veranlagter Mann ohne besondere theologische und philosophische Bildung sei", wies der Emeritus bestimmte Fans in die Schranken. Und gelassen sprach er von "der inneren Kontinuität zwischen den beiden Pontifikaten". Das saß.

Unterschiedliche Stile ja, Differenzen nein. Die beiden schätzen und verteidigen einander. Soweit ich sehe, lässt sich keine Äußerung oder Handlung der "Zwei-Päpste-Jahre" seit 2013 andersherum aufzäumen, außer man geht mit Vorsatz und Schere zu Werk. Befürchtungen um ein Neben- oder Gegeneinander zweier Päpste im Vatikan sind aber nicht überall verstummt. Mancherorts züngeln sie fröhlich weiter: Der alte Papst könne ja nicht frei reden, das gehe halt nicht in seiner Lage. Ein Emeritus in Ketten. Aber es ist ein papierenes Schisma, mehr noch, ein "social schisma", das einige erregbare Christenseelen herbeischreiben, weniger weil sie ein Schisma sehen, sondern weil sie vermutlich eines wollen. Wäre Benedikt ein Emeritus in Ketten, dann hätte sie ihm nicht der Nachfolger angelegt, sondern seine Fans, die echten und besonders die falschen. Der gute alte Coelestin V. hätte viel zu staunen gehabt.

Von Gudrun Sailer

Kolumne "Römische Notizen"

In der Kolumne "Römische Notizen" berichtet die "Vatikan News"-Redakteurin Gudrun Sailer aus ihrem Alltag in Rom und dem Vatikan.