Fleisch auf einem Grill.

"Wer Fleisch isst, isst das Brot der Armen"

Massentierhaltung und Tiertransporte, Gammelfleisch-Skandale, Abholzung von Regenwäldern: Wie können wir dem Raubbau an der Schöpfung Einhalt gebieten? Darüber sprach katholisch.de mit dem Schweizer Kapuzinerpater und Schriftsteller Anton Rotzetter. Er ist Präsident der Schweizer Sektion der "Aktion Kirche und Tiere" (AKUT) und leitet gemeinsam mit dem katholischen Priester Rainer Hagencord das Institut für Theologische Zoologie in Münster.

- 07.01.2015

Frage: Herr Rotzetter, was sagt die Bibel über die Stellung des Tieres in der Schöpfung und über das Essen von Tieren?

Rotzetter: Im Alten Testament kommt den Tieren eine Würde zu, die wir im Verlauf der Geschichte aus den Augen verloren haben. Das Tier entstammt nicht nur wie der Mensch der gleichen Erde, es ist ebenso wie der Mensch von Gottes Lebenskraft angehaucht und belebt. Es ist einbezogen in den Bund, den Gott mit der Erde schließt. In der Sintflutgeschichte erweist Gott sich für Mensch und Tier als die lebensrettende Instanz. Auch das Tier ist wie der Mensch in die Partnerschaft mit Gott einbezogen.

Frage: Ist der Fleischkonsum aus biblischer Sicht also abzulehnen?

Rotzetter: Gott will, dass kein Lebewesen – auch nicht das Tier – leiden muss. Tiere dürfen deshalb nicht – nach dem 1. Schöpfungsbericht - als Nahrungsgrundlage dienen, weil das Tötung, Verletzung und Gewalt bedeuten würde. Von einem solchen Gottes- und Menschenbild sind wir allerdings weit entfernt. Das Tier steht nicht einfach zum beliebigen Gebrauch durch den Menschen zur Verfügung. Es ist keine Ware, sondern Kreatur. Tiere genießen den Schutz Gottes. Die totale Verkommerzialisierung des Lebens, insbesondere des Tieres, widerspricht dem Grundanliegen der Bibel.

Frage: In der Bibel ist oft von Opfertieren die Rede. Besteht da nicht ein Widerspruch?

Rotzetter: In der Tat! Dahinter steht aber ein archaisches Gottesbild. Da fließt sehr viel Opferblut, um einen angeblich zornigen Gott mit der Opferung von Tieren - auch Menschen - zu versöhnen. Dieses archaische Gottesbild aber wird im Verlauf der biblischen Erzählung überwunden. Zuerst wird das Menschenopfer abgelehnt (Genesis 22) und dann jedes Opfer (Micha 6). Hinter diese Überwindung des archaischen Gottesbildes und der damit verbundenen Opfervorstellung dürfen wir Christen nicht mehr zurückfallen.

Der Schweizer Kapuzinerpater und Schriftsteller Anton Rotzetter.

Der Schweizer Kapuzinerpater und Schriftsteller Anton Rotzetter.

Frage: Was richten wir an, wenn wir beim Fleischkonsum so weitermachen wie bisher?

Rotzetter: Seit Jahrzehnten wissen wir: Wer Fleisch isst, isst das Brot der Armen. Täglich sterben 100.000 Menschen an Hunger. Denn in vielen Hungergebieten werden Regenwälder abgeholzt und Getreide oder Soja angepflanzt - zur Fütterung der Tiere, die dann auf unserem Teller landen. Tiere verbrauchen - je nach Tierart - fünf bis zwölf Mal mehr Getreide, als der Mensch benötigen würde. Hinzu kommen Massentierhaltung, Tiertransporte, grausame Schlachtungsmethoden, kriminelle Machenschaften der Fleischindustrie - denken wir nur an den Gammelfleischskandal. Damit ist noch nicht Schluss. Nach Angaben der Welternährungsorganisation ist die gegenwärtige intensive Fleischproduktion der wichtigste Faktor bei den weltweiten Treibhausgasemissionen. Das Bestreben, Lebensmittel möglichst billig zu produzieren, fordert einen hohen ökologischen Preis. Die gegenwärtig benötigten Mengen von Energie und Wasser für die industrielle Landwirtschaft sind unhaltbar.

Frage: Müssen wir unser Verhältnis zu Tieren auf den Prüfstand stellen?

Rotzetter: Ja, Solidarität und Gerechtigkeitssinn fordern unter diesen Bedingungen den Verzicht auf das so produzierte Fleisch. Durch unseren übermäßigen Fleischkonsum stellen wir die Schöpfungsordnung auf den Kopf. Wenn wir an die ökologischen Konsequenzen denken, die sich aus der maßlosen Fleischproduktion ergeben, können wir uns ausmalen, was aus unserer Erde wird. Die Massentierhaltung beansprucht 38 Prozent der gesamten Erdoberfläche. Sie ist verantwortlich für über 30 Prozent der Treibhausgas-Emissionen, 60 Prozent der Phosphor- und Stickstoffemissionen und 30 Prozent der Gift-Emissionen in Europa.

Frage: Da muss etwas geschehen. Aber was können wir als Verbraucher tun?

Rotzetter: Wir sollten weniger oder gar kein Fleisch essen. Konsumverweigerung ist die einzige Sprache, die die Wirtschaft versteht. Auch sollten wir den Zusammenhang von Fest und Fleisch auflösen. Festlichkeit, etwa an Ostern oder Weihnachten, darf nicht mehr durch Fleischkonsum zum Ausdruck kommen, weil es keine Festlichkeit auf Kosten der Armen und der Tiere geben kann. Es gibt durchaus fleischlose, gut schmeckende Festmenüs. Da ist ein wenig Pioniergeist und Kreativität gefordert. Essen und Trinken ist immer auch Freude, Genuss, Lust und Verbundenheit mit denen, die mit mir am gleichen Tisch sitzen - und darüber hinaus mit allen Menschen und der ganzen Schöpfung. Hier ist das Bewusstsein wichtig, dass mein Essen und Trinken nicht auf Kosten anderer Menschen gehen darf und dass kein Geschöpf dieser Welt deswegen leiden muss.

Frage: Ist das Essen von Fleisch Ihrer Meinung nach verwerflich?

Rotzetter: Nein, soweit würde ich nicht gehen. Doch wer Fleisch isst, sollte es nicht von industriellen Fleischproduzenten, sondern aus Bauernbetrieben der Region beziehen, bei denen das Tier noch als Lebewesen die gebührende Achtung und den nötigen Schutz genießt.

Das Interview führte Margret Nußbaum