Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester M. Salome Zeman über das Sonntagsevangelium

Wer sind wir für Gott?

Rabbi, Messias, Kephas: Im Sonntagsevangelium werden de Protagonisten mit fremden Anreden angesprochen. Was wollen sie uns sagen? Für Schwester Salome Zeman haben die Namen und Anreden eine wichtige Funktion in der Bibel.

Von Sr. M. Salome Zeman OSF |  Bonn - 13.01.2018

Impuls von Schwester M. Salome Zeman

"Grüß Gott, Schwester!" – wenn ich durch die Stadt laufe, höre ich das oft, und immer wieder denke ich: so alt und ehrwürdig bin ich doch noch gar nicht. Zum Glück weiß ich aber auch, dass diese Anrede gar nichts über mein Alter oder meine Ehrwürdigkeit aussagen soll.

Als ich das Evangelium gelesen habe, fiel mir etwas auf. Dreimal wird hier die Anrede von Personen erklärt: Rabbi, Messias und Kephas. Warum tauchen diese Anreden hier auf? Warum benutzen die Menschen im Evangelium nicht einfach die Namen der jeweiligen Person? Und warum werden sie erklärt? Der Evangelist Johannes erweckt bei mir sonst nicht immer den Eindruck, dass es ihm besonders wichtig sei, dass der Leser jedes einzelne Wort versteht.

Die Begriffe, die Johannes erklärt, stammen alle aus dem Hebräischen bzw. Aramäischen und er übersetzt sie für seine überwiegend griechische Leserschaft. Ich glaube aber, dass hinter diesen Anreden noch eine ganz andere Botschaft steckt. Wenn mich jemand siezt oder mit einem Kosenamen bedenkt, meinen Vornamen abkürzt oder die Anrede komplett vermeidet, dann drückt das etwas von der Beziehung aus, in der wir stehen. Das lässt sich so auch auf den Text des Evangeliums übertragen.

Aber da ist noch mehr. Die Anreden im Evangelium beschreiben nicht nur eine Beziehung, sondern drücken auch aus, was der andere für den Sprecher ist. In diesen Anreden öffnet sich der Blick von der Beziehung hin in die Zukunft, denn diese Anreden sind mit einer Hoffnung, einer Erwartung, einem Auftrag verbunden.

Bei Jesus passiert da mehr als nur Beziehungsgeschehen. In seinem Umfeld geht es immer um das Reich Gottes, um Gott selbst, der in Jesus Mensch geworden ist. Deshalb sind Namen und Anreden nicht mehr nur Namen oder Floskeln, sondern eine Beschreibung dessen, was Menschen füreinander und für Gott sind.

"Grüß Gott, Schwester!" – da hört man das richtig raus. Ich glaube aber auch, dass es diese neue Anrede – zumindest innerlich – bei jedem Christen gibt, wenn Jesus ihn anblickt und sagt: "Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen." Von jetzt ab lebst du nicht mehr nur alleine. Von jetzt an hast du einen Auftrag, eine Hoffnung, eine Erwartung. Weil du glaubst, hat sich verändert, was du für deine Mitmenschen bist. In deinem Namen liegt ein Auftrag und eine Hoffnung.

Wir leben nicht mehr einfach. Wen Gott angesprochen hat, der lebt von diesem Moment an für.

Von Sr. M. Salome Zeman OSF

Aus dem Evangelium nach Johannes (Joh 1, 35-42)

In jener Zeit stand Johannes am Jordan, wo er taufte, und zwei seiner Jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!

Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst du? Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.

Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden. Messias heißt übersetzt: der Gesalbte - Christus. Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen. Kephas bedeutet: Fels - Petrus.

Die Autorin

Schwester M. Salome Zeman ist Franziskanerin von Sießen, Diplomtheologin und studiert in Freiburg Englisch.

Ausgelegt!

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