Wie ich die Bibel richtig lese
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Fünf Tipps von Ordensmann Thomas Quartier

Wie ich die Bibel richtig lese

Wie und wann liest man am besten die Bibel? Der Benediktiner Thomas Quartier hat katholisch.de erklärt, wie er mit der Heiligen Schrift umgeht - und warum ihn schon einmal der Zufall überrascht hat.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 14.07.2017

1. Wie lese ich die Bibel richtig?

Als Benediktiner möchte ich unsere Art des Bibellesens vorstellen. Die sogenannte geistliche Schriftlesung ist ein wesentlicher Teil meines klösterlichen Lebens. Sie wird auch als lectio divina, göttliche Schriftlesung, bezeichnet. Dabei werden immer nur einige Verse aus der Bibel gelesen. Es gibt auch die lectio continua, die Bibelbücher vom Anfang bis zum Ende durchliest. Die göttliche Lesung vollzieht sich in vier Schritten:

Die Lectio meint das Lesen des Bibeltextes an sich. Mein Tipp: Lesen Sie eine beliebige Bibelstelle langsam und laut vor, Satz für Satz, bis Sie an eine Stelle kommen, die Sie auf irgendeine Weise berührt. Vielleicht ist es nur ein Wort, vielleicht auch ein ganzer Satz. Jetzt beginnt der nächste Schritt der Bibellesung.

Die Meditatio meint das Nachdenken über den Sinn und die Bedeutung des Gelesenen. Weil dieser Vorgang wie ein wiederholtes Wiederkäuen ist, wird es in der Mönchstradition auch lateinisch als ‚Ruminatio‘ bezeichnet. Mein Tipp: Wiederholen Sie das Bibelwort oder einen Satz einer Bibelstelle immer wieder. Stellen Sie sich vor, Sie nehmen das Wort in den Mund und verkosten es solange, bis sich sein Aroma entfaltet. Die einzelnen Worte werden somit unerschöpflich in ihrem Nährwert. Genießen Sie das Bibelwort richtig! Probieren Sie dabei unterschiedliche Betonungen aus. Sprechen Sie mal laut und mal leise, bis Sie die Aussprache gefunden haben, die für Sie in diesem Moment stimmt. Vielleicht formulieren Sie den Satz auch um. Gehen Sie der innen Bewegung einen Moment im Schweigen nach. Lesen Sie weiter bis die nächste Stelle kommt, die Sie berührt. Jetzt steigen Sie in den nächsten Schritt der Bibellesung ein.

Die Oratio oder das Gebet folgt ganz natürlich aus der klösterlichen Schriftlesung. Mein Tipp: Wenn Sie das Gefühl haben, innerlich durch das Bibelwort gefüllt und satt zu sein und nichts mehr aufnehmen zu können, können Sie ein Anliegen, das Sie mit der gelesenen Bibelstelle verbinden, nun in einem Gebet vor Gott bringen. Die geistliche Schriftbetrachtung mündet in das persönliche Gebet, wobei es durchaus manchmal fließend sein kann, wann man vom Lesen zum Beten übergeht. Einfach erfüllt vom Wort vor Gott zugegen zu sein, ist auch schon eine Form des Gebets.

Die Contemplatio bezeichnet schließlich den Moment des tieferen Verstehens, die innere Schauung des Bibelwortes. Mein Tipp: Spüren Sie dem Bibelwort nach und spüren Sie die Gegenwart Gottes, die aus diesen Worten spricht und die Sie im Gebet erleben. Verbinden Sie diese mit Ihrem Leben. Vielleicht erfahren Sie einen Aha-Moment, in dem Sie den dahinter liegenden vielleicht auch verborgenen Sinn erfassen und einen spirituellen Moment erleben. Dadurch kann sich Ihr Leben stets aufs Neue verändern.

Thomas Quartier ist Benediktinermönch der Abtei St. Willibrod in Doetinchem in den Niederlanden und Professor für Monastische Studien an der Katholischen Universität Leuven.

2. Wie oft soll ich in der Bibel lesen?

Als Mönch lese ich täglich in der Bibel. Aber daneben kann das auch unbewusst und auf ganz unterschiedliche Weise geschehen: Ich lese die Bibel zum Beispiel online als mobile App auf dem Handy, in Buchform, verschlüsselt in Kunstwerken oder in Liedtexten im Gottesdienst. Wichtig finde ich, dass ich das täglich mache und mich so immer wieder neu für das Wort Gottes öffne. Wenn ich innerlich leer und offen bin, fällt es mir leichter zu schauen, wo mich die Bibel mit ihren Worten und Geschichten überraschen kann. Ich habe einmal eine prägende Erfahrung gemacht: Ich saß im Bus und fuhr an einem Plakat mit einer biblischen Aufschrift vorbei. Da stand: "Bleibe bei uns, denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt!". Dieser Satz hat etwas in mir angerührt. Er ist aus dem Lukasevangelium und erzählt von der Begegnung der Emmaus-Jünger mit Jesus. Bis heute ist das übrigens eine meiner Lieblingsstellen aus der Bibel, weil mich dieser eine Satz damals so existentiell getroffen hat. Vielleicht auch weil es völlig absichtslos und unerwartet geschah. Solch leere Momente im Alltag zu haben, die durch Worte aus der Bibel angefüllt werden, ist für mich wie ein Geschenk. Schön, wenn Sie diese Momente auch kennen und Sie ein Bibelwort nicht mehr loslässt. Natürlich hat es immer auch mit meinen Erfahrungen, meiner Biografie und meiner momentanen Gefühlswelt zu tun, was der Bibeltext mit mir macht oder in mir auslöst. Vielleicht klingen die Worte jedes Mal ein wenig anders, manchmal bleibt der Ton, der Geschmack des Wortes tage- oder sogar wochenlang in mir und zieht seine Sinnkreise, bis mich wieder ein neues Wort anrührt. Das hört sich so zufällig an, aber ich kann dem Zufall auch auf die Sprünge helfen und einfach so die Bibel zur Hand nehmen und ganz bewusst darin lesen. So wie wir Mönche es täglich in der Liturgie und in der Lesung tun.

3. Wann ist die beste Zeit, um in der Bibel zu lesen?

Für mich ist das morgens. Ich sage gerne: Zu diesem Zeitpunkt ist der Tag noch ungeküsst, also frisch. Aber genau das ist auch das Problem, weil wir Menschen diese leere Zeit am Morgen gerne füllen wollen, indem wir die Zeitung aufschlagen oder uns mit Tätigkeiten ablenken. Vielleicht lohnt es sich auch einmal, diese Leere zuzulassen und auszuhalten. Wer möchte, kann in so einem leeren Moment die Bibel  an einer x-beliebigen Stelle aufschlagen. Es ist sehr spannend, wo und in welcher Geschichte ich dann lande. Ich mache die Erfahrung, dass es immer etwas mit meinem Leben zu tun hat. Für mich ist es schon wie ein Ritual, mich jeden Tag aufs Neue von einem Bibelwort treffen zu lassen. Im besten Falle geht es dann direkt ins Herz. Abends kann übrigens auch eine gute Zeit sein, um mich in Ruhe der Bibel zu widmen, um so den Tag gut ausklingen zu lassen.

4. Welche Bücher der Bibel sollte ich lesen?

Ich lese gerne Bibelerzählungen, die etwas mit meinem Leben zu tun haben. Mein Lieblingsbeispiel von der Emmaus-Erzählung kennen Sie ja schon. Das zweite Bibelwort ist das meines Namenspatrons, des ungläubigen Thomas. Er bekennt an einer Stelle "Mein Herr und mein Gott“. Mich sprechen besonders Worte aus der Bibel an, in denen Menschen Jesus erkennen. Ein anderes Beispiel ist Maria Magdalena, die am Ostermorgen Jesus begegnet und zu ihm sagt: "Rabbuni", mein Herr und Meister. Jesus antwortet ihr nur mit ihrem Namen: "Maria". Das ist für mich der Kern des Glaubens, wie wir Gott erkennen können, in einer ganz persönlichen, fast intimen Beziehung. Gerne widme ich mich in meiner täglichen Bibellesung auch den unbekannteren Büchern des Alten Testaments, zum Beispiel dem Prediger Kohelet. Es ist das Bibelbuch, das am besten zu unserer heutigen, sehr säkularen Lebensweise passt. Im Neuen Testament finde ich die Erzählungen des Evangelisten Lukas sehr wichtig, denn kein anderes Buch beschreibt die menschliche Gemeinschaft in Gottes Gegenwart besser. Als Benediktiner möchte ich auf die biblischen Psalmen nicht verzichten, nicht nur, weil sie sehr emotional sind, auch weil wir sie täglich im Stundengebet rezitieren. Es ist erstaunlich, wie menschlich nahe die Psalmen an meinem Leben sind. Hier werden allgemein menschliche Emotionen beschrieben, die vieles vom göttlichen Wirken erzählen.

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Jesus Christus mit der aufgeschlagenen Bibel und den griechischen Buchstaben Alpha und Omega. Eine Darstellung im Chorraum der Stuttgarter Domkirche St. Eberhard.

5. Wie verbinde ich die Bibel mit meinem Leben?

Ich bin der Überzeugung, dass es unmöglich ist, die Bibel zu lesen, ohne dadurch sein Verhalten im Alltag zu ändern. Nehmen wir das Beispiel der Emmausjünger. Durch ihre Begegnung mit dem Auferstanden entwickeln sie eine tiefe Solidarität zueinander. Zuerst sind sie traurig und verzweifelt, sie gewinnen aber durch die Gegenwart Jesu eine neue Hoffnung. Diese Gemeinschaftserfahrung bringt auch für mich neue ethische Verhaltensweisen mit sich, denn die Bibel hat universelle Kraft. Ich kann nicht anders, als alle anderen Menschen diese Solidarität spüren zu lassen und ihnen das Gottvertrauen weiterzugeben. Ich lege außerdem jedem das Buch Tobit sehr ans Herz, weil es hier um das menschliche Miteinander geht. Es wird zum Ausdruck gebracht, wie man sich führen lassen sollte oder andere führen soll. Für unseren Ordensgründer Benedikt von Nursia ist die Arbeit eine Weise des Gebetes und das Gebet die Vollendung der Arbeit. Das Ziel jeder mönchischen Bibellesung ist daher das Gebet, damit „in allem Gott verherrlicht werde“. Der Text wird zum lebendigen Wort, das mich zur Nächstenliebe und Gottesliebe drängt. Gottes Gegenwart wird im Handeln des Betenden sichtbar und das Lesen wird automatisch zum Gebet. Wenn das gelingt, dann ist die Bibellesung ein Gewinn.

Zur Person

Benediktinermönch Thomas Quartier OSB lehrt außerdem an der Universität Nijmegen und an der Benediktinischen Universität San Anselmo in Rom. Sein aktuelles Buch trägt den Titel "Das Kloster im Leben - Monastische Spiritualität als Provokation" und ist 2016 bei Butzon & Bercker in Kevelaer erschienen.

Von Madeleine Spendier