Wie wir katholisch geworden sind
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Eine Mutter und ihre Tochter konvertierten zum Katholizismus

Wie wir katholisch geworden sind

Christina (70) und Tabea Blischke (34) waren überzeugte Protestantinnen. Doch dann zog sie die katholische Kirche immer stärker an. Im Interview erklären sie, was Benedikt XVI. damit zu tun hatte.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 15.06.2017

Frage: Sie wurden beide gleichzeitig katholisch?

Christina Blischke: Ja, Tabea war damals 26 und ich 62 Jahre alt als wir konvertiert sind. Es war für uns beide ein großer Schritt in die katholische Kirche aufgenommen zu werden, denn wir waren beide davor ziemlich evangelisch und in unserer Kirchengemeinde sehr engagiert. Manche hat dieser Schritt daher sehr überrascht. Wie es dazu kam? Ich habe die Exequien für Papst Johannes Paul II. im Fernsehen gesehen. Die Predigt, die Kardinal Josef Ratzinger damals gehalten hat, hat mich einfach umgehauen. Und dieser erste Eindruck prägte sich in mir tief ein.

Tabea Blischke: Ja, auch für mich begann alles in Rom. Ich studierte gerade in Paris "Angewandte Fremdsprache", als der "deutsche" Papst Benedikt XVI. gewählt wurde. Grund genug, sich mal mit ihm auseinanderzusetzen. Ich habe mir das Buch "Werte in Zeiten des Umbruchs" von ihm gekauft. Und in diesem Buch habe ich mehr über mein Fach gelernt als im Studium! Also habe ich weitere Bücher von Josef Ratzinger gelesen wie zum Beispiel "Auf Christus schauen" und "Einführung in das Christentum" – und sofort beschlossen auf Theologie umzusatteln. Allerdings konnte das Studium der Evangelischen Theologie nicht einholen, was ich in den Büchern Ratzingers gefunden hatte.

Frage: Sie waren beide engagierte Christinnen. Wie sind Sie mit der neuen Situation umgegangen?

Christina Blischke: Oh ja, ich komme aus einer preußisch-evangelischen Familie. Ich bin sehr kirchlich aufgewachsen, war Lehrerin für evangelische Religion an einer katholischen Grundschule und hatte diese typisch protestantische Überheblichkeit dem Katholizismus gegenüber: Katholiken sind naiv, dürfen nicht selbständig denken und kennen die Bibel nicht, können nicht predigen, kurz: Katholiken sind die, die sich nicht weiterentwickelt haben. Durch den damaligen Papst Benedikt XVI. wurde mein damaliges Weltbild ziemlich durcheinander gerüttelt. Über all das haben wir natürlich miteinander geredet, vor allem über seine Bücher und Predigten und dass wir die Welt plötzlich neu und differenzierter sahen. Das war alles furchtbar spannend – enttäuschend war nur, dass wir kaum interessierte Gesprächspartner fanden.

Tabea Blischke: Ich hatte endlich gefunden, was ich schon immer im Glauben gesucht hatte. Fragen und Sehnsüchte, die ich gar nicht richtig ausdrücken konnte, wurden hier mit einer Klarheit und Innigkeit beantwortet. Und bei der ökumenischen Vesper bei der Papstreise nach Bayern hatte ich so etwas wie eine Erleuchtung. Natürlich war ich schon immer für Ökumene, aber Benedikt sagte, Ökumene könne man nicht von oben aufoktroyieren, sondern sie könne nur über beiderseitiges Verständnis von unten wachsen, ging mir innerlich eine ganze Lichterkette auf.

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Mutter und Tochter in der Sitzbank in der Kirche St. Evergislus in Bonn Bad Godesberg.

Frage: Wie ging dann Ökumene für Sie beide konkret?

Tabea Blischke: Ich beschloss, ernst zu machen und die "anderen" kennenzulernen. Ein ökumenisches Selbstexperiment. Wenn ich nun also einmal im Monat zur Messe zu den Katholiken ginge, müsste ich der Sache doch auf den Grund kommen können, dachte ich. Ich gebe zu, ich hatte Glück: unser Pfarrer in Bad Godesberg zelebriert so, dass die Liturgie zu dem aufmerksamen Beobachter "spricht", also dass der Funke überspringt. Mir wurde klar: Katholische Liturgie ist kein "frommes Theater". Hier erkannte ich wieder, was ich vorher in den Büchern Ratzingers entdeckt hatte. Und sehr bald war ich jede Woche in der katholischen Messe. Morgens besuchte ich den evangelische Gottesdienst, so wie immer, abends zusätzlich die katholische Messe. Das habe ich mehrere Jahre so gemacht.

Frage: Und dann wurden Sie katholisch?

Christina Blischke: So schnell ging das nicht. Obwohl wir uns heute beide wundern, warum wir so lange gebraucht haben, bis wir uns entschieden hatten. Als Tabea im Auslandsstudium in Paris war, besuchten wir bereits im Jahr 2004 gemeinsam die Osternacht in der Kathedrale Notre-Dame de Paris. Wenn ich heute daran denke, wundere ich mich, dass es damals noch nicht Klick gemacht hat. Die Kirche war dunkel und bei jeder Lesung wurde es nach und nach heller. Ganz erfüllt kamen wir nach diesem Ostererlebnis aus der Kirche und haben das dann doch so abgetan: Na ja, das können die Katholiken halt, die haben ja auch einen ganz anderen Rahmen. Wir haben uns überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, dass hier vielleicht der Inhalt die Form geprägt hat und dass, wo eine dem Inhalt gemäße Form fehlt, man nicht unbedingt stolz drauf sein sollte. Heute regt mich dieses Denken auf, aber damals saßen die Vorurteile einfach noch zu tief.

Tabea Blischke: Mir kam der Zufall zu Hilfe: Nach einem Messbesuch erzählte ich unserem katholischen Gemeindepfarrer von meinem ökumenischen Selbstexperiment. Und ich machte eine Bemerkung zu Abendmahl und Eucharistie, das wäre alles "typisch evangelisch". Er sagte daraufhin: "Wenn es Sie wirklich interessiert, was die Eucharistie für uns Katholiken bedeutet, kann ich Ihnen das gerne erklären." Dieses Gespräch über die Eucharistie werde ich nie vergessen. Er lieh mir seine Erfahrungen mit der Kommunion und erklärte mir die Heilsgeschichte auf Eucharistie und Kirche hin. Ich war zutiefst beeindruckt, gerade auch, weil der Pfarrer den Mut hatte, so persönlich von seinem Glauben zu sprechen. Doch glauben konnte ich das alles als "aufgeklärte" Protestantin noch nicht sofort. Ich verstand jedoch mit der Zeit: Wenn Gott wirklich Gott ist, dann ist es auch möglich, dass er zu Brot wird und dass er in diesem Brot bei uns Menschen bleibt und nicht mehr weggeht. Als ich das glauben konnte, war ich nicht mehr evangelisch.

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Die aufgeschlagene Bibel in der Kirche St. Evergislus in Bonn Bad Godesberg.

Frage: Konnten Sie Ihrer Tochter folgen?

Christina Blischke: Tabea hat mich überzeugt, auch mal mit in die Messe zu gehen. Ich war überrascht. Die Liturgie gefiel mir sehr gut, aber auch die Predigt war einfach toll und eröffnete mir einen ganz neuen Zugang zur Bibel. Ich bekam einen neuen Blick auf das Evangelium, auf die biblischen Texte überhaupt. Ich dachte, ich wäre sehr bibelfest, doch in der Messe dachte ich oft: Huch - hast du den Text schon mal gehört? Hatte ich natürlich, aber eingebettet in den Zusammenhang der Messe war da eine Bedeutungsfülle, die ich so vorher nicht erlebt hatte. Langsam, mit jeder Messe mehr, begriff ich die Heilsgeschichte für mich und ich wurde neugierig auf mehr. Es war schon lustig - mir ging es genau wie Tabea: Ich wollte nur mal schauen, und plötzlich war es nicht richtig Sonntag, wenn ich nicht auch in der Messe gewesen war. Dabei wurde die Sehnsucht immer größer, auch an der Kommunion teilnehmen zu dürfen.

Tabea Blischke: Und während ich noch zweifelte und mich nicht recht traute, Mama zu sagen, dass ich jetzt doch meinte, katholisch werden zu müssen, kam Mama eines Tages nach Hause und sagte: "Ich habe gerade dem Pfarrer gesagt, dass ich katholisch werden will!" Ich konnte es nicht fassen, aber antwortete: "Super, dann bitte ich ihn morgen um Aufnahme in die Kirche!" Die Vorbereitungszeit verging wie im Flug. Nachdem die Entscheidung gefallen war, konnte das Ziel gar nicht mehr schnell genug erreicht werden, endlich zur Kirche zu gehören und zur Kommunion gehen zu dürfen. Ich schloss mich in Oxford einer Gruppe katholischer Studenten an, besuchte die Messe und andere Veranstaltungen in der Catholic Chaplaincy und las eifrig den Katechismus der Katholischen Kirche. Und dann war es endlich soweit! Wir wurden in die Kirche aufgenommen, wurden gefirmt und durften zur Kommunion gehen.

Frage: Keine Zweifel?

Tabea Blischke: Nein. Als die Entscheidung gefallen war, waren die Zweifel weg – und sind auch nie wiedergekommen.

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Diesen Rosenkranz mit kleinem Kreuz trägt Tabea Blischke jeden Tag bei sich.

Frage: Woran erinnern Sie sich bei Ihrer Aufnahmefeier?

Tabea Blischke: Mir war am Anfang des Gottesdienstes sehr kalt, doch nach der Kommunion spürte ich, wie Wärme bis in Finger- und Zehenspitzen strömte. Eigentlich habe ich trotz aller Vorbereitung an diesem Abend noch gar nicht begriffen, was mir da wirklich geschehen ist. Das brauchte erst noch seine Zeit. Aber zwei Erfahrungen möchte ich noch erzählen: zum einen ging ich die folgenden Monate zehn Zentimeter über dem Boden. Der Satz "Sie ging wie auf Wolken" war für mich plötzlich gefühlte Realität. Zum anderen ging ich vier Jahre lang täglich zur Messe - die Sehnsucht, den Herrn nicht umsonst auf mich warten zu lassen, zog mich unwiderstehlich hin. Ein Jesuit an der Oxford Catholic Chaplaincy, wo ich studierte, fragte mich nach der Messe, wieso ich denn so strahle. Ich erzählte ihm, dass ich in die Kirche aufgenommen worden sei und dass es mich so glücklich mache, zur Kommunion gehen zu dürfen. Da strahlte er mich an und sagte: "Welcome Home!" Dann fragte er mich, wann ich denn konvertiert sei und als er hörte, dass es erst einen Monat her sei, stellte er fest, dass ich wohl noch im "honeymoon" sei. Tatsächlich ist das die beste Beschreibung, die ich je für die Aufnahme in die Kirche gefunden habe.

Christina Blischke: Für mich bedeutete die Aufnahme in die katholische Kirche endlich die "Ziellinie" erreicht zu haben: endlich dahin gekommen zu sein, wonach ich mein Leben lang gesucht hatte. Ich wollte immer eine "richtige" Christin sein. Als Jugendliche hatte ich gedacht, um dieses Ziel zu erreichen, müsste ich ins Kloster gehen, dann meinte ich - wie Jesus - Jüdin werden zu müssen, um ihm wirklich nachzufolgen. Aber so ganz logisch schien mir das dann doch nicht. Jetzt endlich bin ich am Ziel: wirklich Christin sein kann man nur in der Kirche. Und dann ist da noch etwas passiert: Obwohl Jesus mir immer so wichtig war, konnte ich nie zu ihm beten, immer nur zu Gott-Vater. Jetzt bete ich viel zu Jesus und da ich nun mit ihm reden kann, wächst meine Beziehung zu ihm jeden Tag mehr und mehr.

Von Madeleine Spendier

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