Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Schwester Veronica Krienen über das Sonntagsevangelium

Wilde Zeiten

Wer sich auf den Geist Gottes einlässt, hat wilde Zeiten vor sich, weiß Schwester Veronica Krienen. Die Benediktinerin blickt in ihrer Auslegung des Sonntagsevangeliums auf die 40 Tage Jesu in der Wüste.

Von Sr. Veronica Krienen OSB |  Bonn - 17.02.2018

Impuls von Schwester Veronica Krienen

Wilde Zeiten scheinen es zu sein, die Jesus da erlebt hat. In der Wüste bei wilden Tieren hat er gelebt. Wilde Zeiten, wie wir sie nur aus den Beschreibungen von Survivaltrainings kennen.

Meine Fastenzeit, die Fastenzeit von vielen Christen, hat keine derart wilden Züge. Da gibt es eher den einen oder anderen moderaten Vorsatz. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage sind der Verzicht auf Süßigkeiten und Alkohol die Klassiker, gefolgt vom Verzicht auf Fleisch, Rauchen, Fernsehen, Handy oder Computer. Viele Christen nutzen die Fastenzeit, um die eigenen Lebensvollzüge einmal wieder in eine gute Ordnung zu bringen.

Jesus wird uns hier ganz anders geschildert. Er stylt nicht hier oder da ein wenig an seiner Lebensweise herum, sondern lässt sich radikal, mit Haut und Haaren auf den Geist ein. Ich stelle mir vor, wie Jesus am Beginn seiner Tätigkeit den Impuls hat, bevor es losgeht erstmal fortzugehen, sich ganz zurückzuziehen und sich ganz auf sich selbst und Gott zu konzentrieren und sich zu konfrontieren – in der Wüste, dem Ort des Neuwerdens. Jesus lebt aus seiner jüdischen Religion und so bringt er diesen Impuls in Verbindung mit den großen Läuterungszeiten des Ersten Bundes: Vierzig Jahre, vierzig Tage.

Ja, der Impuls scheint sogar so stark und echt gewesen zu sein, dass er nicht als eigene Idee gilt, sondern mit Gott in Verbindung gebracht wird. Der Geist Gottes ist es, der Jesus in die Wüste treibt oder wörtlicher: Ihn in die Wüste hinauswirft. Denn eine solche Zeit des Rückzugs ist kein romantisches Meditationserlebnis. Sie kann hart werden, voller Fragen, Gefährdungen und Versuchungen, tiefgreifend und an die Substanz gehend – vor allem, wenn vielleicht schon ein paar Tage ohne Smartphone zur Herausforderung werden. Jesus lässt sich darauf ein, er lässt sich hinauswerfen, er hört auf den Impuls des Geistes und stellt sich ihm. In dieser Zeit der Auseinandersetzung mit sich selbst und mit Gott, findet Jesus zur Klarheit und Einfachheit seiner ersten Botschaft, die gleichzeitig der Inbegriff seiner Verkündigung ist: Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt.

Das wäre doch ein gutes Fasten: Ich könnte inspiriert von Jesus so tief in mich hineinhören, so intensiv mit mir in Berührung kommen, dass ich meine allertiefsten Impulse wahrnehme und ernstnehme. Ich könnte es für möglich halten, dass diese Impulse die Sprache Gottes sind und damit rechnen, dass sein Geist mich durch sie führen will. Wie Jesus könnte ich mich mir selbst und Gott stellen, ganz neue Fragen zulassen und mir auf den Grund gehen. Vielleicht finde auch ich zu neuer Klarheit und Einfachheit. Das wäre weit mehr als jedes Survivaltraining bieten kann.

Von Sr. Veronica Krienen OSB

Aus dem Evangelium nach Markus (Mk 1,12-15)

In jener Zeit trieb der Geist Jesus in die Wüste. Dort blieb Jesus vierzig Tage lang und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm. Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!

Die Autorin

Sr. Veronica Krienen OSB lebt als Benediktinerin in Köln. Die Psychologin arbeitet im Edith-Stein-Exerzitienhaus und in der Ausbildung des Ordensnachwuchses.

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