"Wir empfinden den gleichen Schmerz"
Organisation "Parents Circle" will endlich Versöhnung

"Wir empfinden den gleichen Schmerz"

Raketen auf Israel, Luftangriffe auf den Gazastreifen – in solchen Zeiten haben es Friedensaktivisten schwer. Rami Elhanan und andere Mitglieder der israelisch-palästinensischen Organisation "Parents Circle" sitzen im Kreis auf einem Platz in Tel Aviv und werben für ihre Sache: eine Zweistaatenlösung und Versöhnung mit den Palästinensern. Um sie herum sind Absperrgitter und Gegendemonstranten.

Tel Aviv - 25.08.2014

Die Mitglieder von "Parents Circle" eint eines: Sie alle haben Angehörige verloren – entweder durch einen Anschlag oder im Krieg. So wie Rami Elhanans: Seine Tochter Smadar starb, als sie 14 war. Sie wurde von einem Selbstmordattentäter in Jerusalem in den Tod gerissen. Das war 1997. Er wache noch heute mit dem Gedanken an sie auf und schlafe mit dem Gedanken an sie ein, sagt der Vater. Er erinnert sich noch immer an den Anruf seiner Frau: "Sie sagte, niemand könne unsere Tochter finden. Wir fingen an, sie zu suchen, aber sie war wie ausgelöscht. Du fühlst dich, als ob nach und nach dein Blut gefriert."

Von Krankenhaus zu Krankenhaus liefen sie, von Polizeistation zu Polizeistation. Erst spätabends kamen sie an den Anschlagsort in der Ben-Yehuda-Straße: "Wir hatten keine Tränen mehr - dieses Bild werde ich für den Rest meines Lebens nicht vergessen." Der Tod von Smadar habe sein Vertrauen in die Politik zerstört, sagt Rami Elhanan: "Das erste Gefühl war Wut, dass die israelische Regierung nicht genug getan hatte, um Frieden zu machen. Und dass meine Tochter und ihre Mörder Opfer dieser Politik geworden sind."

Von einem Heckenschützen getötet

Ähnlich denken auch die anderen Mitglieder des "Parents Circle". Robi Damelin etwa; sie wurde in Südafrika geboren und verließ 1967 das Land, weil sie gegen die Rassentrennung war. Sie hat ihren Sohn David verloren; er geriet als Reservesoldat ins Visier eines palästinensischen Heckenschützen. David war Mitglied der Friedensbewegung: "Wenn der Attentäter David gekannt hätte, dann hätte er ihn sicher nicht umgebracht. Er wurde umgebracht, weil er Repräsentant einer Besatzungsarmee war."

Bild: © KNA

Robi Damelin, Friedensaktivistin und Mitglied der israelisch-palästinensischen Organisation "Parents Circle".

Damelin sagt, sie habe aus der Anti-Apartheid-Bewegung gelernt, dass es Hoffnung gebe. Hass auf den Attentäter habe sie nie empfunden. Über den "Parents Circle" suchte sie Kontakt zu palästinensischen Familien, die ein ähnliches Schicksal haben: "Als ich palästinensische Mütter traf und in ihre Augen sah, wurde mir klar: Wir empfinden den gleichen Schmerz." Gemeinsam könnten sie viel erreichen, denn Menschen hörten ihnen zu. Schließlich sprächen sie mit derselben Stimme.

Die Zeit ist nicht gut für Friedensaktivisten

Versöhnung ist auch der Wunsch von Anat Marnin. Die Tanztherapeutin verlor ihre zwei Brüder. Beide fielen am selben Tag im Krieg von 1973 - einer an der syrischen, einer an der ägyptischen Grenze. Bis heute fühle sie sich als ihre kleine Schwester, sagt die 53-Jährige. Die Zeiten seien nicht gut für Friedensaktivisten - aber sie will weitermachen: "Dialog ist der einzige Weg, der hier im Nahen Osten gegangen werden kann", gerade in Zeiten, in denen Bomben fallen und Raketen abgefeuert werden.

Diese Meinung teilt auch Neta Shemesh. Ihre Mutter wurde bei einem Anschlag getötet, als sie die Bienenstöcke in einem Kibbutz versorgte. Ihr Bruder starb durch einen Sprengstoffanschlag in einem der Libanon-Kriege. "Früher gab es die Meinung in Israel: Keine Diskussion um einen palästinensischen Staat, solange es Todesopfer auf unserer Seite gibt. Aber Auge um Auge - das bringt doch gar nichts." Sie habe sich mit palästinensischen Familien angefreundet, mit "Menschen genau wie ich". So müsse Frieden geschlossen werden.

Rami Elhanans bester Freund ist heute ein Palästinenser, ein ehemaliger PLO-Terrorist. Dessen sechsjährige Tochter starb durch ein israelisches Gummigeschoss. Zu viele Menschen seien gestorben in den vergangenen Jahrzehnten, sagt Elhanan. Man müsse Kritik an der israelischen Politik äußern dürfen, auch in Deutschland. "Gib Respekt, und du wirst auch respektiert werden. Solange ein Volk ein anderes dominiert und demütigt, so lange wird es Widerstand geben. Einem Volk seine demokratischen Rechte zu beschneiden, ist ein Verbrechen - und gegen dieses Verbrechen zu sein, ist kein Antisemitismus ."

Von Silke Heine (KNA)