"Wir haben alle eine Mitverantwortung"
Bild: © KNA
Tokios Erzbischof zum fünften Jahrestag der Fukushima-Katastrophe

"Wir haben alle eine Mitverantwortung"

Fünf Jahre nach der Katastrophe von Fukushima nimmt Tokios Erzbischof Peter Okada neben dem Betreiber Tepco auch die japanische Politik und Bevölkerung in die Pflicht. Im Interview spricht er über den notwendigen Atomausstieg.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Tokio - 11.03.2016

Frage: Herr Erzbischof, in Deutschland war die katholische Kirche eine treibende Kraft beim geplanten Atomausstieg - und die japanischen Bischöfe empfehlen dasselbe auch. In Japan gibt es zwar nur wenige Katholiken, gesellschaftlich sind sie aber sehr engagiert. Können Sie in diesem sensiblen politischen Bereich eine eigene Rolle spielen?

Okada: Wir sind klein - aber nicht alleine. Viele andere religiöse Gemeinschaften und gesellschaftliche Gruppen kommen zusammen in diesem Chor zur Abschaffung der Atomenergie und der Schließung der Atomkraftwerke. Allerdings müssen wir auch zugeben, dass wir nach dem Krieg, vor allem in den 60er Jahren, alle auch ein besseres Leben wollten. Es sollte billiger sein, schöner werden. Leuchtende Energie - das hörte sich alles so wunderbar an; aber wir haben dabei wohl die Gefahren unterschätzt. Die ganze Gesellschaft, die Politiker. Und bei diesen Unterschätzern waren auch wir. Daher haben wir alle auch eine Mitverantwortung, weil wir nicht vorher unsere Stimme erhoben haben.

Heute rufen wir Bischöfe zu einem anderen, einfacheren Lebensstil auf, wie ihn das Evangelium anmahnt. Wir müssen zurückgehen zu einer natürlichen Stromerzeugung, zu erneuerbaren Energien. Aber: Trotz all dieser Stimmen reagiert die Regierung nicht. Es werden sogar stillgelegte Atommeiler wieder hochgefahren - obwohl in Umfragen fast die gesamte Bevölkerung dagegen ist.

Arbeiter im März 2013 im Reaktor Nr. 4 der Fukushima Daiichi Nuclear Power Station in Nordosten Japans; zwei Jahre nach dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe.

Arbeiter im März 2013 im Reaktor Nr. 4 der Fukushima Daiichi Nuclear Power Station in Nordosten Japans; zwei Jahre nach dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe.

Frage: Ganz aktuell ist die Meldung, dass drei Verantwortliche der Betreiberfirma Tepco nun doch noch wegen der Vorfälle von Fukushima belangt werden sollen. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Okada: Die Stimmen aus der Bevölkerung sind immer lauter geworden. Die Natur wurde damals zerstört, und viele Leute müssen auch nach fünf Jahren noch in Behelfsquartieren leben, weil sie nicht zurückgehen und ihr altes Leben wiederaufnehmen können. Da stellt sich natürlich die Frage: Wer ist dafür verantwortlich? Dieser Druck hat dazu geführt, dass man am Ende doch ein bisschen genauer hinschaut.

Man hat nun diese drei Manager benannt. Sie wussten offenbar um die Gefahren, haben aber nichts unternommen. Gleichzeitig muss man bedenken: Das waren nicht nur diese drei - und auch nicht nur die eine Firma. Tepco hat auch Beziehungen zur japanischen Regierung. Die Regierung hat also auch eine Mitverantwortung. Und zuletzt: Hier im Ballungsraum Tokio beziehen wir alle unseren Strom von Tepco. Wir leben in ziemlichem Komfort. Haben wir da nicht auch eine Mitverantwortung? Wir verbrauchen ja all diese Energie. Unser bequemes Leben ist auch durch das Opfer der Menschen von Fukushima gekauft worden. Davon können wir uns nicht ohne weiteres freisprechen. Nicht nur diese drei Manager - das alles muss man ein bisschen größer sehen.

Heute rufen wir Bischöfe zu einem anderen, einfacheren Lebensstil auf, wie ihn das Evangelium anmahnt.

Zitat: Tokios Erzbischof Peter Okada

Frage: Papst Franziskus sagt, Japan habe in seinem Herzen einen besonderen Platz. Als Jugendlicher habe er als Missionar nach Japan gehen wollen. Glauben Sie, dass er Ihr Land irgendwann besuchen wird?

Okada: Wir haben ihn bereits mehrfach eingeladen, ihm mitgeteilt, dass die Christen hier dadurch sehr ermutigt würden. Aber wir haben noch keine Antwort. Der Papst war schon auf den Philippinen, und er war im Nachbarland Korea. Wir würden uns sehr freuen, wenn er auch zu uns kommt.

Frage: Was würden Sie ihm zeigen?

Okada: Zuallererst Fukushima, wo vor fünf Jahren das Atomunglück war. Das müsste er unbedingt sehen. Und natürlich Hiroshima, den Ort des ersten Atombombenabwurfs.

Kirche in Japan

Das Christentum spielt in Japan nur eine geringe Rolle. Die Vorstellung eines einzigen, allmächtigen Gottes hat nur wenig Übereinstimmung mit den traditionellen religiösen Vorstellungen des Shinto und des Buddhismus. Derzeit bekennen sich nur rund ein Prozent der japanischen Staatsbürger, also etwa eine Million Menschen, zu einer der christlichen Konfessionen. Die katholische Kirche zählt zurzeit rund 440.000 registrierte Mitglieder. Die steigende Zahl der katholischen Gastarbeiter von den Philippinen, aus Korea und Brasilien dürfte bei über einer halben Million liegen.

Von Alexander Brüggemann (KNA)