"Wir kamen einfach nicht zu Wort"
Helen Schüngel-Straumann ist eine Pionierin der Theologie

"Wir kamen einfach nicht zu Wort"

Helen Schüngel-Straumann schrieb Geschichte: Als erste Frau promovierte sie in Bonn in Theologie. Dazu musste sie viel Widerstand überwinden. Im Interview erinnert sie sich an böse Vorwürfe und Kränkungen.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 16.03.2017

Frage: Frau Schüngel-Straumann, war es für Sie ein Erfolg, Katholische Theologie zu studieren?

Schüngel-Straumann: Ja, denn es war damals für Frauen eher selten, katholische Theologie im Hauptfach zu studieren, geschweige denn, darin zu promovieren. Die Promotion war erst an wenigen Theologischen Fakultäten möglich, Berufsaussichten gab es dafür so gut wie keine. Ich habe beides gemacht und bin stolz darauf.

Frage: Die sogenannte "Weiheklausel" wurde zu Ihrer Zeit aufgehoben?

Schüngel-Straumann: Ja, das betraf die Promotionsordnung und war eine reine Formsache, wie dies an den meisten Katholisch-Theologischen Fakultäten geschehen war. In den meisten Promotionsordnungen stand noch, dass "für einen Dr. theol. der Empfang einer Höheren Weihe Voraussetzung" ist. Trotzdem gab es hinter den Kulissen noch manches Gerücht und manchen Streit. Das rein männliche Kollegium an der Universität war durchaus noch nicht davon überzeugt, dass Frauen zur Promotion zugelassen werden sollten, eher dann noch männliche Laien. Was sich da alles so abgespielt hat, weiß ich nicht, es interessierte mich auch nicht. Wichtig war mir, dass diese Klausel endlich gestrichen wurde. Und das wurde es dann ja auch.

Bild: © privat

Als erste weibliche Laiin promovierte Helen Schüngel-Straumann im Jahr 1969 im Fach Altes Testament an der Katholischen Fakultät in Bonn. 1987 wurde sie auf einen Lehrstuhl für Biblische Theologie an die Universität Kassel berufen.

Frage: Das heißt der Weg zum Studium war damals für Sie nicht gerade einfach? 

Schüngel-Straumann: Für mich war es eine riesige Erleichterung, als ich das Abitur in der Tasche hatte. Ich musste mir nämlich als Sekretärin das Geld verdienen, um das Abitur am Abendgymnasium und später das Studium zu finanzieren. Von zu Hause habe ich nie einen roten Rappen für mein Studium bekommen, und Stipendien gab es damals nur für Priesteramtskandidaten. Eigentlich hätte ich ja als ältestes von fünf Kindern überhaupt nicht studieren dürfen. Damals war vieles in der Erziehung noch weit von einer Chancengleichheit entfernt. Es gab Geistliche, die zu mir sagten: Schlag dir ein Studium aus dem Kopf, das ist nichts für dich als Frau. Sie empfahlen mir stattdessen lieber zu heiraten, fünf Kinder zu bekommen und diese dann zu Priester ausbilden zu lassen. Das war wie ein Schlag ins Gesicht für mich. Ich war zuerst ziemlich sauer und dann wollte ich erst recht studieren.

Frage: War das Priesteramt ein Berufswunsch für Sie?

Schüngel-Straumann: Ich gebe zu, dass ich als junge Frau schon damit geliebäugelt habe, Priesterin zu werden. Aber das habe ich bald aufgegeben, weil ich gesehen habe, dass es keinen Sinn macht. Es gab Frauen, die ihr Leben damit verbracht hatten, gegen Wände anzurennen. Das wollte ich nicht. Ich wollte zuerst mal zu Ende studieren und mich dann auf das Studium der Bibelwissenschaft konzentrieren. Und dann habe ich angefangen, nach vergessenen Frauen in der Bibel zu forschen und ich habe sehr interessante Geschichten entdeckt.

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Ob Abraham, Moses oder Noah: Das Alte Testament scheint nur aus Geschichten über Männer zu bestehen. Und doch gibt es auch Gegenbeispiele. Zum Weltfrauentag stellt katholisch.de zehn von ihnen vor.

Frage: Haben Sie in der Bibel auch weibliche Vorbilder gefunden?

Schüngel-Straumann: Ja, viele, etwa die Prophetinnen Mirjam, Debora und Hulda. Fasziniert hat mich auch Tamar aus Genesis 38. Ihre Geschichte herauszuarbeiten war mein erstes feministisches Erfolgserlebnis. Diese unsichtbare Frau aus der Bibel habe ich sichtbar gemacht. Ganz grob ging es darum zu zeigen, dass sie als Frau für ihr Recht aufgestanden ist und ihr Recht behalten hat. Das wollte ich zeigen. Später haben mir Studentinnen erzählt, dass sie diesen Aufsatz im Religionsunterricht auf den Knien gelesen hätten. Das hat mich glücklich gemacht. Für mich ist das eine Geschichte von einer Frau, die sich durchsetzen konnte und sich ihr Recht verschaffte. Es gibt noch viele starke Frauen und Prophetinnen im Alten Testament, die das Selbstbewusstsein von Frauen stärken. Es gab aber auch starke Theologinnen, die mich in meinem Weg bestärkten. Zum Beispiel die älteste feministische Theologin Catharina Halkes aus den Niederlanden. Ich habe sie 1982 beim Katholikentag in Düsseldorf erlebt, als sie eine Predigt gehalten hat. Sie hat die Männer dazu aufgefordert, den Frauen zuzuhören, Frauen hätten jetzt lange genug auf Männer gehört. Diese Frau hat mich tief beeindruckt.

Frage: Hat sie Ihnen aus dem Herzen gesprochen?

Schüngel-Straumann: Ja, denn ich weiß, wie schlecht das Selbstbewusstsein vieler Frauen damals war. Meine Mutter und meine Großmutter mussten immer das machen, was ihre Männer ihnen auftrugen. Mein Vater hat sogar noch gegen das Frauenrecht in der Schweiz gestimmt. Er war der Meinung, es mache keinen Sinn, wenn Frauen wählen gehen, denn Frauen müssten sowieso das stimmen, was ihnen ihre Männer sagen. Ich habe ihn dann gefragt: "Sag mal, und was ist mit den Frauen, die ohne Männer sind?" Ich war später auch alleinerziehend und musste für meine beiden Kinder und mich aufkommen. Frauen hatten es in der Schweiz nicht leicht, wenn man bedenkt, dass erst im Jahr 1971 den Frauen offiziell das Wahlrecht zugestanden wurde. Ich war allerdings die ganze Zeit in Deutschland und konnte dort wählen. Wenn ich mir die Theologie heute anschaue, die 2000 Jahre von Männern geprägt wurde, inklusive sämtlicher Moralvorstellungen mit allen sexuellen Konflikten und Vorschriften für Mann und Frau, dann ist das einfach zu einseitig. Es braucht unbedingt immer auch die Sicht von Frauen. Eine Theologie, die absolut auf Männer zentriert und von Männern gemacht wurde, kann nicht für beide Geschlechter gelten. Aber das gilt auch für andere Kirchen und Konfessionen, nicht nur für das Christentum, wenn eine androzentrische Sicht überwiegt.

Der übliche Vorwurf lautete: Was Frauen schreiben ist Pipifax.

Zitat: Helen Schüngel-Straumann über ihre Anfänge in der Theologie

Frage: Klingt aus Ihren Worten Verbitterung?  

Schüngel-Straumann: Es war zeitweise schon richtig hart für uns feministische Theologinnen. Wir hatten echte Probleme damit, unsere Aufsätze in Publikationen unterzubringen. Der übliche Vorwurf lautete: Was Frauen schreiben ist Pipifax. Niemand hat uns ernst genommen. Erst Anfang der 1980er Jahre konnten wir in theologischen Zeitschriften Beiträge veröffentlichen, zum Beispiel den schon genannten über Tamar in "Bibel und Kirche". Wir fühlten uns als Frauen unterdrückt, wir kamen einfach nicht zu Wort. Aber es gab auch andere, aufgeschlossene Männer wie zum Beispiel Kardinal Karl Lehmann. Er hat unabhängige Frauen unterstützt und einige starke Theologinnen in seinem Freundeskreis gehabt. Beim Dogmatikerkongress 1988 in St. Pölten in Österreich waren auch das erste Mal Frauen eingeladen. Das konservative Frauenbild war zwar noch spürbar, aber wir waren als Frauen präsent. Ich durfte damals als erste Frau einen der Hauptvorträge halten, das war ein Novum. Heute können junge Theologinnen oft nicht mehr verstehen, womit wir uns noch so rumschlagen mussten.

Frage: Was hat sich heute verändert Ihrer Meinung nach?

Schüngel-Straumann: Dieses antiquierte Frauenbild ist heute vorbei. Heute gesteht auch der Papst den Frauen ein unabhängiges Leben zu, mit oder ohne Mann, mit oder ohne Kinder. Aber wenn man in andere Länder oder andere Kulturen schaut, findet man dieses Frauenbild nach wie vor. Für die Kirche sollte es – wie auch für alle anderen Bereiche – selbstverständlich sein, dass Frauen an allen Rechten, Pflichten und Vollmachten teilhaben wie Männer. Es ist eine Machtfrage, Frauen von allen Ämtern mit wichtigen Entscheidungen fernzuhalten. Für mich haben Frauen sicher mehr Beziehung zum Leben, und ich finde, Frauen sehen Probleme konkreter als Männer. Aber an den Mythos, Frauen seien die besseren Menschen, habe ich nie geglaubt. Das Böse ist ziemlich gleichmäßig verteilt.

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Frage: Was war ein böser Vorwurf, den Sie als Theologin hören mussten?

Schüngel-Straumann: Etwa der Vorwurf durch Kardinal Joseph Ratzinger bei einem Gespräch in der Glaubenskongregation in Rom, dass der Feminismus die Familien zerstören würde. Das war vor rund 20 Jahren. Wir hatten gerade als sechs feministische Theologinnen das Wörterbuch für feministische Theologie herausgebracht. Ich habe ihm daraufhin geantwortet: "Zusammen haben wir aber 14 Kinder". Das müsste als Gegenargument genügt haben.

Frage: Warum sind Sie damals nicht aus der Kirche ausgetreten?

Schüngel-Straumann: Austreten? Nein! Die katholische Kirche ist meine Heimat. Man kann nicht überzeugte Christin sein, ohne in einer Gemeinschaft zu leben. Ich hatte genügend Kirchengeschichte studiert, um zu sehen, dass es früher viel schlimmere Zustände gab, zum Beispiel zur Zeit der Reformation. Das war ja eine absolute Katastrophe. Luther hatte recht mit seinen Grundanliegen. Auch die Zustände im 19. Jahrhundert, das war grauenhaft. Und heute ist es so: Wenn alle Frauen ihre Arbeit - weltweit und oft ehrenamtlich - einstellten, würde die Kirche zusammenbrechen. Aber wenn man sich in anderen Religionen oder Konfessionen umsieht, gibt es dort vergleichbare Probleme.

Frage: Ihr Wunsch an junge Theologinnen von heute?

Schüngel-Straumann: Das Ziel ist immer die Gleichstellung von Frau und Mann in der katholischen Kirche. Auf diesem Weg sind Männer und Frauen in der Kirche schon ein ordentliches Stück weitergekommen, aber es ist noch nicht alles erreicht. Das Wichtigste ist, dass Frauen wissen, dass sie gleichwertig sind und dass sie die gleichen Möglichkeiten wie Männer haben. Die Situation der Frauen in der Kirche ist eine Sache, die lange braucht. Es gilt auf keinen Fall aufzugeben, sondern dranzubleiben. Es ist ein großer Umschwung in Gang gesetzt worden und der kann nicht in 50 Jahren abgeschlossen sein. Das ist ein langer Prozess, aber er lässt sich nicht mehr bremsen. Und es wird sich lohnen!

Von Madeleine Spendier

Zur Person

Helen Schüngel-Straumann (77) ist die erste Schweizerin, die als katholische Theologin einen Doktortitel erhielt. Als feministische Theologin erforscht sie vor allem die Stellung der Frau im Alten Testament. In diesem Fach promovierte sie 1969 in Bonn als erste Frau überhaupt in der katholischen Theologie. Schüngel-Straumann ist Mitherausgerberin des Wörterbuchs der Feministischen Theologie. Sie lebt in Basel.