"Wir machen hier kein Halli-Galli"
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Münchner Kapuziner werben erfolgreich um Gläubige

"Wir machen hier kein Halli-Galli"

Sie verstehen sich als Dienstleister und bieten eine "Messe für Ausgeschlafene": Pfarrer Stefan Maria Huppertz und das Team setzen auf ungewöhnliche Formate - und ihre Gottesdienste sind voll.

Von Gudrun Lux |  München - 26.04.2016

Der Pfarrer und sein Team im Pfarrverband Isarvorstadt, mitten in München, haben es mit einer Zeitungsanzeige im März in die lokalen Medien geschafft. "Lebendige Kirche versuchen wir zu sein", hieß es in der Anzeige. "Zugewandt, offen, katholisch. Gerne mit Ihren Themen, Ihrer Sicht- und Lebensweise! Schauen Sie doch mal vorbei, analog in St. Anton und St. Andreas in der Isarvorstadt oder digital: www.Pfarrverband-Isarvorstadt.de"

Mit ungewöhnlichen Formaten, etwa einer "Messe für Ausgeschlafene" am Sonntagmittag, und auffallendem Marketing, etwa besagter Zeitungsanzeige, sorgt der Pfarrverband für mediale Aufmerksamkeit und volle Gottesdienste. "Wir haben hier nicht das Rad neu erfunden", betont der Pfarrer, "aber atmosphärisch läuft bei uns einfach gerade vieles gut: Es gibt Menschen, die neu andocken, die sich einbringen wollen". Dies allerdings geht einher mit einer großen Verantwortung, ist sich Pater Stefan Maria bewusst: "So wie Menschen uns begegnen, so einen Eindruck haben sie dann von Kirche".

"Jede Pommesbude wirbt für sich"

Sieben Kapuziner leben gemeinsam im Konvent gleich neben der Pfarrkirche St. Anton, auch einer der älteren Mitbrüder, Pater Christian Heinrich Hien, arbeitet noch in der Pfarrseelsorge mit. Ansonsten ist es ein junges Team: Pater Stefan Maria ist 38 Jahre alt, sein Mitbruder und Kaplan Stefan Walser 35 und der Jüngste, Gemeindeassistent Martin Harbauer (29) ist Familienvater – "er bringt nochmal eine ganz andere Perspektive ein, die sehr wertvoll für uns ist", sagt sein Chef.

Durch solche Aktionen wie die Anzeige wollen wir ein Zeichen setzen: Kommt rein! Wir sind da!

Zitat: Bruder Stefan Walser

Die Zeitungsanzeige war eine Idee, die bei einer Teamklausur aufkam. "Jede Pommesbude wirbt für sich, weil sie meint, was zu bieten zu haben", findet Pater Stefan Maria. "Wir sind überzeugt, dass wir was zu bieten haben! Etwas, das dem Glauben, der Seele, dem Leib, dem Menschen dient. Dieses Angebot wollen wir bewerben: Wir haben etwas, das wir viel mehr Menschen als bisher zu Verfügung stellen wollen."

Sie verstehen sich nicht als "Hüter eines heiligen Rests" - wie es Pater Stefan Maria ausdrückt -, wissen aber auch, dass sie nur mit einer Anzeige keine Atheisten bekehren. Die Erfahrung der Isarvorstadt-Kapuziner jedoch ist, dass Menschen, die auf der Suche sind, die vielleicht den Kontakt zur Kirche verloren haben, aufmerksam werden: Kirche ist also hier vor Ort für mich ansprechbar. "Viele Menschen haben keine gerade katholische Biografie, sind vielleicht ausgetreten, zum zweiten Mal verheiratet oder so. Und dann haben sie Kinder und überlegen: Eigentlich will ich meine Kinder taufen lassen. Vielleicht trauen sie sich nicht, denken: Ich gehe ja nie in die Kirche und jetzt kann ich doch nicht da anklopfen", erzählt Bruder Stefan, der Kaplan und promovierte Fundamentaltheologe. "Durch solche Aktionen wie die Anzeige wollen wir ein Zeichen setzen: Kommt rein! Wir sind da!" Die mediale Aufmerksamkeit ist ein Geschenk obendrauf und funktioniert wie ein Wegweiser.

"Wir feiern im besten Sinne eine konservative Liturgie"

Auch in der "alteingesessenen" Gemeinde merken die Kapuziner einen Effekt. "Die Kirchgänger, die regelmäßig kommen, spiegeln uns zurück: Jawohl, so wünschen wir uns Gemeinde. Wir sind hier mitten in der Stadt, wir wollen weltoffen sein. Das ist eine richtige Aufbruchstimmung in der Gemeinde", erzählt Bruder Stefan. "Gerade die Älteren sagen das", ergänzt Pater Stefan Maria und fasst zusammen: "Es stärkt nach innen und es öffnet nach außen."



Die beiden Kapuziner aus der Isarvorstadt verwenden Begriffe, die man in der Kirche selten hört. Sie sprechen davon, Kirche habe "keine Monopolstellung", sei "Dienstleister". Das hat ihnen natürlich auch Kritik eingebracht. Damit ecken sie an, räumen die Kapuziner freimütig ein. Pater Stefan Maria betont: "Aber wer uns kennt weiß: Wir feiern hier die Liturgie der heiligen Kirche, hier gibt’s kein Theater, sondern zwei Lesungen, ein Hochgebet, eine anständige Predigt und liturgische Kleidung. Wir feiern im besten Sinne eine konservative Liturgie, aber darin liegt eine große Zugewandheit. Wir machen hier kein Halli-Galli!"

"Wir machen Werbung für etwas, das uns sehr ernst und heilig ist", sagt Bruder Stefan. "Nur: Wir müssen das vermitteln. Und dafür bedienen wir uns moderner Mittel. Wir als Kirche haben den Auftrag, das Evangelium zu den Menschen zu bringen – so wie sie sind, jetzt hier und heute, 2016." Dass Bruder Stefan ein guter Mittler ist zwischen "dem, was Menschen seit 2000 Jahren Sinn gegeben hat" und den Menschen von heute, hat auch das Münchener Kirchenfernsehen entdeckt – dort erklärt Bruder Stefan die Beichte.

Das Leben im Kloster prägt die Gemeindepastoral, das franziskanische Ideal, dem sich die Kapuziner verpflichten, sorgt für eine besondere Strahlkraft. "Wir machen Seelsorge nicht als Einzelgänger", sagt der Kaplan. Nicht umsonst habe schon Christus und später auch der Heilige Franziskus gesagt, die Brüder sollten nicht allein losziehen, sondern gemeinsam. So treten sie als Gemeinschaft auf, der man sich anschließen kann. Durch ihre unkonventionelle zeitgerechte Vermittlung und ihre freundliche Offenheit gelingt ihnen, Menschen neugierig zu machen.

Von Gudrun Lux