"Wir, Muslime und Christen"
Papst Franziskus besucht in Istanbul erstmals eine Moschee

"Wir, Muslime und Christen"

Franziskus faltet die Hände, schließt die Augen und senkt den Kopf; die Lippen bewegen sich nicht. Rahmi Yaran spricht derweil direkt neben ihm mit ausgebreiteten Händen ein Gebet: Männer in Weiß, der eine Papst, der andere Großmufti, stehen am Samstag nebeneinander vor der Gebetsnische der Blauen Moschee in Istanbul , das Gesicht nach Süden gen Mekka gerichtet - so wie es für Muslime üblich ist.

Istanbul - 29.11.2014

Diese zweiminütige Szene war der Höhepunkt des zweiten Reisetags von Franziskus in der Türkei. Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt im März 2013 besuchte er eine Moschee. Erst zwei Päpste vor ihm, Johannes Paul II. (1978-2005) und Benedikt XVI. (2005-2013), hatten ein islamisches Gotteshaus betreten. Die Hände allerdings faltete in der Moschee keiner von ihnen.

Zu Beginn seiner Reise hatte Franziskus am Freitag in seinen Reden für einen "kreativen" Dialog zwischen Christen und Muslimen geworben. "Wir, Muslime und Christen", lautete eine bemerkenswerte Formulierung, die er am Freitag im Religionsamt in Ankara verwendete. Darin rief er die Muslime zum gemeinsamen Kampf gegen religiösen Fundamentalismus auf. Am Samstag war nun der Tag der großen Geste, aber auch der kleinen. Wie Muslime und andere Besucher zog auch der Papst seine schwarzen orthopädischen Schuhe aus, bevor er die Moschee betrat und ging auf Socken durch das Gotteshaus.

Papst Franziskus betet gemeinsam mit Mufti Rahmi Yaran von Istanbul in der Blauen Moschee.

Hat er oder hat er nicht?

Nach dem Besuch in der Moschee besichtigte Franziskus die Hagia Sophia, in der christliche Mosaike und islamische Ornamentik nebeneinander zu sehen sind. In dem berühmten Kuppelbau, im sechsten Jahrhundert als Kirche erbaut, später als Moschee genutzt und heute Museum, verzichtete der Papst dann allerdings auf spektakuläre Gesten. Denn das Terrain ist heikel: Sein Vorgänger Paul VI. (1963-1978) hatte sich 1967 am gleichen Ort spontan zum Gebet niedergekniet und damit einen Eklat hervorgerufen. Politiker der regierenden islamischen Partei AKP von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatten unlängst eine Nutzung der Hagia Sophia als Moschee gefordert.

Hat der Papst nun in der Blauen Moschee gebetet? "Stille Anbetung" - so lautete die offizielle Sprachregelung, die Vatikansprecher Federico Lombardi am Samstag verwendete. Schon vor zwei Wochen hatte er klargestellt, dass es sich nicht um ein formales und öffentliches Gebet handeln werde, sondern mehr um einen Moment persönlicher Sammlung, falls der Papst in der Moschee bete. Es sei "klar, dass man bei einem Christen in einer Moschee nicht von einem formalen Gebet sprechen kann".

Fernsehen zeigt Mund des Papst in Großaufnahme

Das türkische Fernsehen zeigte den Mund des Papstes in seiner Live-Übertragung aus der Blauen Moschee nicht zufällig in Großaufnahme. Nach dem Besuch seines Vorgängers Benedikt XVI. 2006 in der gleichen Moschee hatte es eine lebhafte Debatte darüber gegeben, ob Benedikt XVI. die Lippen bewegt habe und damit möglicherweise ein Gebet in der Moschee gesprochen hatte. Katholische Traditionalisten witterten eine Vermischung der Religionen; Muslime freuten sich. Der Vatikan sprach damals von einer "Meditation". Doch diesmal dürfte der Befund klar sein: Die Lippen bewegten sich nicht, der Papst schwieg.

Nach den protokollarischen Pflichtübungen in Ankara und dem Besuch in der Moschee, wo jede Handbewegung aufmerksam verfolgt wurde, ging es am Samstagnachmittag in der katholischen Heilig-Geist-Kirche in Istanbul geradezu familiär zu. In dem kleinen Gotteshaus wurde der Papst von mehreren hundert Menschen erstmals in der Türkei mit "Viva papa"-Rufen empfangen.

Von der Enttäuschung, die in katholischen Kreisen zuweilen darüber geäußert wurde, dass sich Franziskus nicht mehr Zeit für seine eigenen Leute in der Türkei nehme, war in diesem Augenblick nichts zu spüren. Im Gottesdienst ermahnte der Papst die Christen, innere Streitigkeiten beizulegen. Am Abend stand dann wieder eine große Geste auf dem Programm: ein ökumenisches Gebet mit Bartholomaios I., dem Ökumenischen Patriarchen und Ehrenoberhaupt der orthodoxen Christen weltweit. "Ich bitte um einen Gefallen: Segne mich und die Kirche von Rom", bat der Papst den Patriarchen. Franziskus, der es gewohnt ist, dass sich die Leute vor ihm verneigen, verneigte sich daraufhin tief vor Bartholomaios I. Und der gab ihm einen brüderlichen Kuss auf seine weiße Scheitelkappe

Von Thomas Jansen (KNA)