Eine Lehrerin unterrichtet ein Flüchtlingskind.
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Elternschafts-Vorsitzende Kastner zum Umgang mit Flüchtlingen in Schulen

"Wir sind mit unserer Kultur sträflich umgegangen"

Die große Zahl minderjähriger Flüchtlinge ist auch für die Schulen eine Herausforderung. Wie viele Flüchtlinge können sie integrieren? Im Interview beantwortet die Vorsitzende der Katholischen Elternschaft, Marie-Theres Kastner, diese und weitere Fragen.

Von Markus Kremser |  Sankt Blasien - 09.02.2016

Frage: Frau Kastner, angesichts vieler Flüchtlingskinder in den Schulen werden Forderungen nach einer Migrantenquote laut. Brauchen wir ein Limit?

Kastner: Ich glaube nicht, dass man mit einer Quote die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund in einer Klasse regeln kann. Denn da gibt es Migrantenkinder, deren Eltern schon lange Zeit bei uns leben, die schon Deutsch können, die schon einen Kindergarten besucht haben. Und da gibt es die Flüchtlingskinder, die gerade erst gekommen sind, die schon in ihrem Alter mit sehr unterschiedlichen Lebenserfahrungen zurechtkommen müssen. Das lässt sich pädagogisch nicht so einfach richten. Ich denke, jeder Schulleiter und Verantwortliche muss entscheiden, was den Kindern gut tut. Wie sehen die Verhältnisse in den einzelnen Klassen aus? Mit welchem Hintergrund kommen welche Kinder in die Schule?

Frage: Bisher kamen hauptsächlich Kinder aus dem EU-Ausland zu uns. Jetzt sind es überwiegend Kinder aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Verändert die verstärkte Zuwanderung aus Krisengebieten die Anforderungen an die Schulen?

Kastner: Selbstverständlich. Viele Kinder haben noch gar keine Schulerfahrung, viele Kinder können zum Beispiel noch keine lateinische Schrift lesen, selbst wenn sie schon eine Schule in ihrem Heimatland besucht haben.

Frage: Was brauchen die Schulen jetzt, um diese neuen Schüler rasch integrieren zu können?

Kastner: Unsere Schulen brauchen zusätzliche Lehrerinnen und Lehrer, und diese brauchen zusätzliche Informationen, Möglichkeiten des Nachfragens oder gar eine Fortbildung, wie zum Beispiel Deutsch als Zweitsprache. Wir brauchen auch zusätzliche Fachkräfte anderer Professionen, um beispielsweise psychische Schwierigkeiten der Schülerinnen und Schüler aufzufangen.

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Frage: Woher sollen neue  Lehrer so schnell kommen? Müssen gar Pensionäre aus der Rente geholt werden?

Kastner: In einigen Bundesländern hat man Lehrkräfte, die noch nicht lange pensioniert waren, rekrutieren können. Es stehen aber sicher in einigen Bereichen auch ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer, die nicht übernommen wurden, zur Verfügung. Dazu muss auch wieder für den Lehrerberuf geworben werden. An vielen Stellen ist das auch eine Frage der zur Verfügung gestellten Landesmittel.

Frage: Es fehlt ja vor allem an Lehrern, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten können...

Kastner: Hier würden schnell eingesetzte Fortbildungen sicherlich helfen. Dazu müssen aber auch Gelder eingesetzt werden.

Frage: Viele Menschen begegnen den überwiegend muslimischen Flüchtlingen mit Vorbehalten, fürchten gar eine "Islamisierung". Welche Rolle spielt die Religion an den Schulen?

Kastner: Vielleicht rächt sich jetzt, dass es Bundesländer gibt, in denen der Religionsunterricht gestrichen wurde. Wenn wir keine "Islamisierung" wollen, dann müssen wir als erstes einmal auf unsere abendländisch christlichen Grundlagen schauen und prüfen, inwieweit wir uns selbst diesen verpflichtet fühlen. Wir sind in den letzten Jahrzehnten mit unserer eigenen Kultur sehr sträflich umgegangen.

Frage: Nur ein kleiner Prozentsatz der Flüchtlinge sind Christen. Es wird von Übergriffen auf christliche Flüchtlinge auch in deutschen Asylbewerberheimen berichtet. Was muss passieren, damit religiöse Konflikte nicht auf dem Schulhof ausgetragen werden?

Kastner: In vielen Fällen wird aus dem Bauch heraus etwas bekämpft, was man nicht kennt. Gerade dazu brauchen wir einen Religionsunterricht, der über die eigene Religion hinaus auch andere Religionen vorstellt. Nur so kann mehr Toleranz wachsen.

Frage: Haben katholische Schulen hier eine besondere Verpflichtung?

Kastner: Ja, ich denke schon. Auf der Grundlage unseres christlichen Glaubens können wir unseren Kindern erklären, warum jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist, keiner diffamiert und missachtet werden darf. Ich finde es gut, dass sich unsere katholischen Schulen öffnen und sich auch Jungen und Mädchen in unseren Schulen aktiv in der Flüchtlingsarbeit einsetzen.

Marie-Theres Kastner ist Bundesvorsitzende der Katholischen Elternschaft Deutschlands (KED).

Frage: Durch Krieg und Flucht sind viele Kinder traumatisiert. Wie soll an Schulen damit umgegangen werden?

Kastner: Gerade diese Kinder bedürfen der besonderen Hilfe. Wir dürfen sie aber sicherlich nicht nur den Lehrerinnen und Lehrern anvertrauen. Hier gilt es, professionelle Hilfe zu organisieren und den Lehrkräften an die Seite zu stellen. Auch den deutschen Kindern und ihren Eltern muss erklärt werden, was diese Kinder bedrückt und wie sich das auswirkt. Nur so kann gegenseitiges Verständnis wachsen.

Frage: Und die Eltern der Flüchtlingskinder? Auch sie sind ebenso wenig in unsere Gesellschaft integriert. Wie können diese Eltern ihre Kinder unterstützen?

Kastner: Ich bin froh, dass es in einigen Schulen schon Programme gibt, die die Eltern der Flüchtlingskinder ganz bewusst mit einbezieht. Alle Eltern müssen über die laufenden Geschehnisse in den Klassen und Schulen informiert werden, dann können sie sicherlich ihre Kinder unterstützen und manche Fragen und Probleme auffangen.

Frage: In den 1970er Jahren holten viele Gastarbeiter ihre Familien nach. In den 1990er Jahren kamen viele Flüchtlinge aus Jugoslawien und Aussiedler aus Russland nach Deutschland. Kann man aus diesen Einwanderungswellen lernen?

Kastner: Man kann nicht nur, sondern man muss daraus lernen. Aber wir müssen sicherlich alle Dinge, die damals unternommen oder nicht unternommen wurden, darauf überprüfen, ob sie in der heutigen Situation noch adäquat sind.

Zur Person

Marie-Theres Kastner (*1950) ist seit 2005 Bundesvorsitzende der Katholischen Elternschaft Deutschlands (KED). Von 2000 bis 2010 war sie zudem für die CDU Abgeordnete des Landtags von Nordrhein-Westfalen.

Von Markus Kremser