Papst Franziskus fährt mit seinem Papamobil durch eine Menschenmenge.
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Franziskus prangert auf Sardinien Arbeitslosigkeit an

"Wir wollen ein gerechtes System"

Der Spruch klingt wie eine Kampfansage ans Schicksal: "Grazie a Dio sono sardo", "Gott sei Dank bin ich Sarde", steht zum Empfang von Papst Franziskus in Sardiniens Hauptstadt Cagliari auf vielen T-Shirts. Zehntausende Sarden begrüßen das Kirchenoberhaupt am Sonntag bei seiner Fahrt durch die Straßen wie einen Helden der Insel. Der Jubel ist auch deshalb so laut, weil es auf Sardinien derzeit wenig Grund zum Jubeln gibt.

Cagliari - 23.09.2013

Wie kaum eine andere Region Italiens leidet Sardinien unter der Wirtschaftskrise. Mit fast 19 Prozent liegt die Arbeitslosenrate deutlich über dem nationalen Durchschnitt. Die Menschen hofften auf ein starkes Zeichen der Ermutigung, teilte das Erzbistum zuvor mit.

Gleich nach seiner Landung am Morgen begegnet Franziskus in der Innenstadt Betroffenen. Etwa Francesco Mattana. Der Sarde ist seid vier Jahren auf der Suche nach einem festen Job. "Arbeitslosigkeit macht den Geist schwach - und aus der Schwäche wird Angst", beschreibt er dem Papst seine Lage. Auch eine Unternehmerin und ein Beschäftigter aus der Landwirtschaft sprechen stellvertretend für Tausende Sarden. In der Menge halten viele ihre Tränen nicht zurück, während Franziskus mit gesenktem Kopf zuhört. Dann beschließt er, nur den Anfang seiner Rede vom Blatt zu lesen, und spricht danach frei zu den Menschen.

Emotionale Rede wie bei Johannes Paul II.

"Wo die Arbeit fehlt, fehlt auch die Würde" , sagt der Papst. Er lässt keinen Zweifel daran, dass Erwerbslosigkeit für ihn kein Werk der Vorsehung ist. Oft seien die Gründe vielmehr ein System der Profitgier und die Vergötzung des Geldes, der alles andere untergeordnet wird. Gott habe aber nicht das Geld in den Mittelpunkt gestellt, sondern Mann und Frau, die in der Welt durch eigene Arbeit existieren könnten. Zu der von ihm immer wieder beklagten "Kultur des Abfalls" zählt er nicht nur die Alten und Kranken, die dem herrschenden Nützlichkeitsdenken im Weg stehen.

"Lasst uns sagen: Wir wollen ein gerechtes System! Ein System, das uns alle weiterbringt", ruft Papst Franziskus den Menschen zu. "Lasst uns sagen: Wir wollen dieses globalisierte Wirtschaftssystem nicht, das uns schadet." Auf Cagliaris Straßen, wo die Menschen vor den Großbildschirmen zusammenstehen, brandet in diesem Moment langer Applaus auf. Franziskus Worte gegen die Ungerechtigkeit und Gnadenlosigkeit der kapitalistischen Logik erinnern in ihrer Schärfe und Emotionalität an Johannes Paul II. (1978-2005). In seinem vorbereiteten Redetext waren die Formulierungen etwas zurückhaltender.

"Habt Mut!"

Franziskus bittet die Zuhörer seinen Ruf "Habt Mut!" nicht als Phrase zu verstehen. Er verspricht, sich als Hirte für sie einzusetzen. Anschließend fährt das Papamobil weiter zur Basilika der "Jungfrau des guten Windes", wo der Papst eine Messe feiert. Die dort seit dem 14. Jahrhundert ausbewahrte Marienstatue "Virgen di Bonaria" wird als Schutzheilige Sardiniens verehrt - und ist zugleich Namenspatronin der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, aus der Franziskus stammt.

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Video: © Gottfried Bohl

Papst Franziskus besucht die Flüchtlingsinsel Lampedusa.

Neben Begegnungen mit Kranken und Armen legt der Papst auch bei seiner zweiten Reise innerhalb Italiens - die erste führte ihn auf die Flüchtlingsinsel Lampedusa - einen besonderen Schwerpunkt auf den Kontakt mit den Jugendlichen. Auf Cagliaris Hauptachse spricht er mit ihnen über ihre Fragen zur Zeit und zur Kirche. Außerdem begegnet er in der Kathedrale Strafgefangenen aus dem Jugendgefängnis Buoncammino. Mit rund 500 Insassen ist es wie viele in Italien weit überbelegt. Die Jugendkriminalität ist nicht zuletzt Ausdruck der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit, die besonders junge Sarden lähmt. Eine ganze Generation werde gerade - und nicht nur in Sardinien - um ihr Lebensglück betrogen, mahnt Franziskus in Cagliari.

Der zehnstündige Besuch auf der Insel hat den "Papst vom Ende der Welt" auch ein weiteres Stück "europäischer" werden lassen - auch wenn der Abstecher zur Patronin von Buenos Aires womöglich ein bisschen Heimweh verrät. Schon am 4. Oktober reist das Kirchenoberhaupt wieder. Dann zu seinem eigenen Namensgeber, zum Grab des heiligen Franz von Assisi.

Von Christoph Schmidt (KNA)