Zefanja: Vom Weltuntergang zur Kirche der Armen
Serie: Propheten im Alten Testament

Zefanja: Vom Weltuntergang zur Kirche der Armen

Das Buch Zefanja ist nicht nur ein Zitatgeber für den "Dies irae" in Mozarts Requiem. Zwar kündigt der Prophet gleich im ersten Kapitel den "Tag JHWHs" und den "Tag des Zorns" an. Doch das prophetische Büchlein endet in der universalen Verehrung Gottes.

Von Till Magnus Steiner |  Bonn - 03.11.2018

Innerhalb von 53 Versen wird im Buch Zefanja aus der angekündigten Ausrottung aller Menschen auf Erden eine Freudenbotschaft für Jerusalem. Der Weg von der düstersten Katastrophe hin zum lichtesten Freudenjubel beinhaltet alle Elemente der prophetischen Verkündigung: Unheils- sowie Heilsworte sowohl gegen das eigene Volk wie auch gegen fremde Völker. Diese Facetten führen gewollt in Spannungen, die das Gottesbild scheinbar zum Zerbersten bringen – wie bereits die ersten beiden Verse des Buches zeigen. Der in der Überschrift genannte Name des Propheten spiegelt den Glauben an einen rettenden Gott wieder: "JHWH hat schützend geborgen". Der folgende Gottesspruch konterkarieren diese Gewissheit und der Leser und die Leserin werden an den göttlichen Zorn vor der Sintflut erinnert: "Ich raffe, ja, raffe alles vom Erdboden weg - Spruch des HERRN." (Zefanja 1,2).

Zefanja lebte in einer turbulenten Übergangszeit. Das judäische Königreich war seit 733 v. Chr. unter König Ahas ein assyrischer Vasallenstaat geworden, der Tribut zu leisten hatte. Der religiöse und kulturelle Einfluss des assyrischen Großreiches erlangte in der Zeit des von 699-643 v. Chr. in Jerusalem regierenden König Manasse seinen Höhepunkt. Nach dem Tod des assyrischen Königs Assurbanipal im Jahre 631 v. Chr. verlor das assyrische Großreich doch zunehmend seinen Einfluss. Kurz zuvor war der achtjährige Joschija nach der Ermordung seines Vaters Amon durch Verschwörer am Hof zum neuen König in Jerusalem geworden. Gemäß der Überschrift des Buches wirkte Zefanja in dessen Regierungszeit. Einzelne Verse weisen in die Zeit als der neue König noch unmündig war (Zef 1,8), bevor er die Macht ergriff und 722 v. Chr. eine grundlegende Kultreform durchführte.

Prophet klagt unethisches Handeln der Führungsschicht an

Für diese Reinigung der israelitischen Religion von assyrischen Praktiken könnte Zefanja ein Ideengeber gewesen sein: "Ich [Gott] strecke meine Hand gegen Juda aus und gegen alle Einwohner Jerusalems und ich rotte von diesem Ort den Rest des Baalsdienstes aus, den Namen der Götzenpriester samt den Priestern." (Zef 1,4). Der verwendete Begriff für die Götzenpriester (כמרים) ist ein Lehnwort aus dem Akkadischen, der Amtssprache des assyrischen Großreiches.

Zefanja wandte sich aber nicht nur gegen falsche, religiöse Praktiken oder den verbreiteten assyrischen Lebensstil, sondern verurteilte generell mit wortgewaltiger Ironie das unethische Handeln der Jerusalemer Führungsschicht. Der Prophet klagte die reichen Herren an, die überfüllt mit ihrem Wohlstand selbst nur noch an einen unbeweglichen Gott glaubten: "In jener Zeit wird es geschehen: Ich [Gott] durchsuche Jerusalem mit der Laterne und suche die Herren heim, die dick geworden sind auf ihrer Hefe, die in ihrem Herzen sagen: Der HERR wirkt weder Gutes noch tut er Böses." (Zef 1,12).

Rubrik: Unsere Bibel

Im Grunde ist schnell erklärt, was die Bibel ist: Die anerkannten Schriften von der Erschaffung der Welt bis zur Entstehung der ersten christlichen Gemeinden. Allerdings greift die Erklärung zu kurz. Informationen über einzelne Bücher des Neuen und Alten Testaments sowie über die Bibel allgemein gibt es in der Rubrik "Unsere Bibel".

Das Urteil über Jerusalem, das Königreich Juda und die gesamte Welt scheint am Ende des ersten Kapitels besiegelt. Der Tag JHWHs, das heißt der finale, universale Gerichtstag, wird über die Welt hereinbrechen: "… er bereitet allen Bewohnern der Erde ein Ende, ein schreckliches Ende" (Zef 1,8). Die Gottesworte, die diesen Tag des göttlichen Zorn beschreiben, sind drastisch und düster: "Ihr Blut wird hingeschüttet wie Schutt und ihr Lebenssaft wie Kot." (Zef 1,17). An den Versen 14 bis 17 orientiert sich auch der mittelalterliche Hymnus "Dies irae", der vor allem durch Mozarts Requiem von 1791 und durch Zitate in der Filmmusik bis heute bekannt ist.

Das folgende, zweite Kapitel nimmt die Völkerwelt in den Blick: Judas Nachbarstaaten im Westen und im Osten, die Philister, Moabiter und Ammoniter, und die Großreiche im Norden und im Süden, Ägypten und Assyrien, werden untergehen. Doch in diesen Rundumschlag mischen sich neue Töne.

Eine mögliche Rettung der Armen und der Unterdrückten in Juda wird in Aussicht gestellt: "Sucht den HERRN, all ihr Gedemütigten im Land, die ihr nach dem Recht des HERRN lebt! Sucht Gerechtigkeit, sucht Demut! Vielleicht bleibt ihr geboren am Tag des Zorns des HERRN." (Zef 2,3). Vielleicht wird sich für die armen Frommen, die Gewissheit, die im Namen Zefanja angezeigt ist, doch verwirklichen: Möglicherweise bietet Gott selbst in seinem Zorn Geborgenheit und Schutz. In den Gerichtsworten über die Völker wird diese Hoffnung zur Zusage: Die Moabiter und die Ammoniter werden bestraft, "denn sie höhnten und führten große Reden gegen das Volk des HERRN" und Gott verheißt "dem [bleibenden] Rest meines Volkes", dass es diese Völker ausplündern und beerben wird (Zef 2,9-10). Und selbst in den Gerichtsworten gegen die Völker wandelt sich die Unheilsperspektive zu einer Verheißung: Er vernichtet die "Götter der Erde", damit die Völker ihn anbeten können (Zef 2,11).

Tag der Läuterung

Im dritten Kapitel wird aus dem düsteren Tag des göttlichen Zorns dann ein Tag der Läuterung, Rettung und heilvollen Zukunft für Israel und für die anderen Völker. Der Untergang Jerusalem in den Jahren 597 und 587/586 v. Chr. gerät in den Blick des Buches und anstatt einer völligen Vernichtung eröffnet sich eine Lebensperspektive für die Unterdrückten und Armen des Volkes Israel: "Ja, dann entferne ich aus deiner [= Jerusalems] Mitte die überheblichen Prahler und du wirst nicht mehr hochmütig sein auf meinem heiligen Berg. Und ich lasse in deiner Mitte übrig ein demütiges und armes Volk." (Zef 3,11-12). Gott wird die Völker der Welt bekehren und sie werden sein durch das Exil verstreute Volk wieder zurück nach Jerusalem bringen: "Ja, dann werde ich die Lippen der Völker verwandeln in reine Lippen, damit alle den Namen des HERRN anrufen, ihm Schulter an Schulter dienen. Von jenseits der Ströme von Kusch bringen mir meine Verehrer dann als Gabe die Gemeinde meiner Verstreuten." (Zef 3,9-10).      

"Ich strecke meine Hand gegen Juda aus und gegen alle Einwohner Jerusalems und ich rotte von diesem Ort den Rest des Baalsdienstes aus, den Namen der Götzenpriester samt den Priestern." (Zef 1,4)

Aus dem universalen Endgericht wird im Buch Zefanja die universale Verehrung des Gottes Israels. Für Israel bedeutet der Tag JHWHs, der Tag des Zorns, keinen vollständigen Untergang, sondern eine Läuterung: Jerusalem wird jubeln über die Armen und Unterdrückten des Volkes, die nun solidarisch und in ungestörtem Frieden leben werden können. Am Ende des Buches wird dem Propheten sowie dem Leser und der Leserin klar, dass der Tag, an dem der göttliche Zorn über die Welt hereinbrechen wird, nicht das Ende der Welt, sondern Heil für die Armen und Unterdrückten Israels bedeuten wird.

Und in dieser Botschaft ist der Grundstein gelegt für eine Theologie der "Kirche der Armen": "Gott will nicht das Elend als das Ende seiner Wege mit seinem Volk, sondern Reichtum und Segen. Aber dieser Reichtum ist alles andere als jener Reichtum, der aus der Ausbeutung der Armen entstand und immer wieder entsteht. Es ist ein Reichtum, wie er eigentlich nur entstehen kann, wenn Arme in ihn hingeführt werden und dabei nicht aufhören, Gerechtigkeit zu suchen, ein Leben in der Offenheit zu führen und friedlich miteinander umzugehen," mahnt der Jesuit Norbert Lohfink in seiner Auslegung des Buches Zefanja, in dem Gott den Armen seines Volkes zusichert: "Siehe, in jener Zeit schreite ich ein gegen alle, die dich unterdrücken." (Zef 3,19).

Von Till Magnus Steiner