Eine offene Bibel mit zwei Lesebändchen liegt aus.
Kaplan Christian Olding über das Sonntagsevangelium

Zu ungemütliches Evangelium für den Advent?

Der Advent verlangt mehr als einige besinnliche Wochen vor Weihnachten, schreibt Kaplan Christian Olding mit Blick auf das Evangelium vom ersten Adventssonntag. Der ungemütliche Text mache klar, dass sich das eigene Leben nicht so leicht erhellen lasse wie Straßen mit Neonlicht.

Von Christian Olding |  Bonn - 02.12.2017

Impuls von Kaplan Christian Olding

Das sind keine schönen Aussichten im Evangelium. Eigentlich erwartet man zum Beginn des Advents etwas Gemütlicheres, etwas Lieblicheres, so wie "Advent, Advent, ein Lichtlein brennt". Dazu geht das Evangelium geradezu quer mit seiner Endzeitstimmung und seiner Mahnung, ja wachsam zu bleiben.

Offensichtlich verlangt der Advent mehr, als drei kurze besinnliche Wochen vor Weihnachten, die an uns vorbeirauschen und an deren Ende wir wieder einmal vollkommen überrascht feststellen müssen: "Oh, es ist schon Weihnachten. Na ja, aber so richtig freuen kann ich mich gar nicht."

In einer zerbrechlichen und so oft zerbrochenen Welt geht es um die Suche nach einem letzten Halt. Es geht im Advent um Menschen, die Hoffnung haben. Eine Hoffnung, die sich nicht irremachen lässt, auch angesichts unserer Weltlage. Eine Hoffnung, die nicht resigniert, aber auch nicht so naiv ist zu glauben, dass "wir" das schon alles wieder in den Griff bekommen.

Es geht um Menschen, die ihre Hoffnung auf Gott setzen. Wir können das Heil der Welt nämlich nicht schaffen, wohl aber das Vertrauen darauf, dass Er in diese Welt eingreift und am Ende eben nicht Terror, Krieg und Schrecken das letzte Wort behalten. Es ist die Hoffnung, dass in all den Momenten der verzweifelten Liebe, des unverhofften Guten, dem Vertrauen auf den schwankenden Boden und der Hoffnung gegen alle Realitäten und Wahrscheinlichkeiten, sich Gottvertrauen zeigt und bestätigt.

Wir sind mehr als nur Menschen dieser Erde, die sich abmühen, damit das Leben halbwegs erfolgreich über die Bühne geht. Wir haben eine Sehnsucht, die weit über den Horizont des Alltags hinausgeht. Der Psychoanalytiker Erich Fromm stellte fest: "Die Vitalität selbst ist das Resultat einer Vision. Wenn es keine Vision mehr gibt von etwas Großem, Schönem, Wichtigem, dann reduziert sich die Vitalität, und der Mensch wird lebensschwächer.

Dunkle Fenster und düstere Marktplätze lassen sich mit Neonlicht und Buden schnell hell und lebendig machen. Mit dem eigenen Leben ist das schon weitaus schwieriger. Deswegen braucht es eine Vision und eine Verheißung. Die gilt es im Advent wieder zu pflegen und aufzubauen. Gott ist unser Schicksal eben nicht egal. Deshalb kam er und kommt er selbst in die Not und Dunkelheit dieses Lebens – meines Lebens. Deswegen lohnt es sich, wachsam zu bleiben in den kommenden Wochen, wachsam für das Wesentliche und Eigentliche dieser Zeit, nämlich für die Gegenwart Gottes in meinem eigenen Leben. Wenn ich darauf setze, die Ewigkeit mit Gott zu verbringen, dann sollte ich jetzt und hier damit beginnen und mir für Ihn Zeit nehmen.

Von Christian Olding

Aus dem Evangelium nach Markus (Mk 13, 33-37)

In jener Zeit, sprach Jesus zu seinen Jüngern: Seht euch also vor, und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug alle Verantwortung seinen Dienern, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein.

Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen. Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen. Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!

Der Autor

Christian Olding ist Kaplan in der Pfarrei St. Maria Magdalena in Geldern.

Ausgelegt!

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