Benedikt XVI. feiert die Messe in Etzelsbach
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Die Deutschen und ihr Papst

Mit der Ankündigung seines Rücktritts hat Benedikt XVI. in seiner Heimat Erschütterung, Überraschung und auch Bewunderung ausgelöst. "Dass ein Deutscher die Nachfolge von Johannes Paul II. antrat, war von historischer Bedeutung für unser Land", sagte Bundespräsident Joachim Gauck.

Von Christoph Arens (KNA) |  Bonn - 12.02.2013

Drei Mal hat Benedikt XVI. die Bundesrepublik besucht: 2005 zum Weltjugendtag in Köln, 2006 seine Heimat Bayern und 2011 zum offiziellen Staatsbesuch in Berlin, anschließend Erfurt und Freiburg. Bei aller Begeisterung: Der deutsche Papst wurde zuhause besonders kritisch beobachtet. Zugleich wurde das Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken im Ausland immer auch als Deutscher gesehen.

Integritätssymbol höchsten Niveaus

Schon bei der Papstwahl am 19. April 2005: Während die "Bild"-Zeitung "Wir sind Papst" jubelte, titelten britische Boulevardzeitungen "Panzerkardinal". Auch bei seinen Besuchen in Israel und Auschwitz stand Benedikt XVI. als "Sohn des deutschen Volkes" unter Beobachtung. Meist allerdings gab es positive Reaktionen - so dass der Philosoph Peter Sloterdijk von einem historischen Einschnitt sprach: "Ein deutscher Name kann wieder ein Integritätssymbol höchsten Niveaus darstellen", betonte er.

Seit 1981 lebte Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation in Rom. Er sei aber immer sehr gut über Deutschland informiert, berichtete der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch. Und er hat wahrgenommen, dass die Bundesbürger ihn besonders intensiv unter die Lupe nehmen. "Dass es im katholischen Deutschland eine beträchtliche Schicht gibt, die darauf wartet, auf den Papst einschlagen zu können, ist eine Tatsache", hat er erklärt. Und er ließ durchblicken, dass ihm der deutsche Katholizismus zu sehr von Geld und Institutionen und zu wenig vom Glauben bestimmt sei.

Mit der Papstwahl schien Vieles vergessen

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Ludwig Ring-Eifel über den angekündigten Rücktritt von Papst Benedikt XVI.

Konflikte gab es schon lange vor der Papstwahl: etwa weil Rom, auch auf Betreiben Kardinal Ratzingers, katholische Schwangerenberatung untersagte, die eine straffreie Abtreibung ermöglicht. Deutsche Medien zeichneten das Bild vom Großinquisitor, der Theologen maßregelte, die Befreiungstheologie einzudämmen suchte und die Ökumene behinderte.

Mit der Papstwahl schien Vieles vergessen. Der bescheiden auftretende Bayer entwickelte einen ganz eigenen Charme, etwa als er auf dem Weltjugendtag in Köln mit einer Million Menschen den wohl größten Gottesdienst in Deutschland feierte. Seitdem ist das Verhältnis wieder abgekühlt. So sehr, dass der Kölner Kardinal Joachim Meisner 2009 erklärte, die Deutschen schlügen auf den Papst ein, dass man sich "wirklich schämen muss".

Der Papst und die Piusbrüder

Zu einem Eklat kam es nach der Rücknahme der Exkommunikation der vier Bischöfe der erzkonservativen Piusbruderschaft: Als Bundeskanzlerin Angela Merkel den Papst aufforderte, seine Haltung zur Holocaust-Leugnung von Traditionalisten-Bischof Richard Williamson klarzustellen, war das Verhältnis zwischen Berlin und dem Heiligen Stuhl stark belastet.

Dann kam 2010 der Missbrauchsskandal in der deutschen Kirche. In der Folge sank das Vertrauen der Deutschen in ihren Papst dramatisch: Nur noch 24 Prozent bekundeten im März 2010 Vertrauen in Benedikt XVI. Die Tatsache, dass er zuvor ein härteres Durchgreifen gegen Missbrauch durchgesetzt hatte, konnte die Stimmung nicht drehen. Erst als Benedikt XVI. bei mehreren Auslandreisen Opfer traf und deutliche Worte fand, normalisierte sich die Lage.

Ein Ereignis für die Geschichtsbücher

Ein Ereignis für die Geschichtsbücher war dann der Deutschlandbesuch im September 2011. Eine glänzende Rede im Bundestag, große Gottesdienste in Berlin, Thüringen und Freiburg, ein Treffen mit Missbrauchsopfern - vor allem der Besuch an Wirkungsstätten Luthers in Erfurt und die "Entweltlichungs"-Rede in Freiburg boten Stoff für Debatten. Wie sehr Benedikt XVI. aus deutscher Theologie schöpft, zeigte sich zuletzt, als er den Regensburger Dogmatiker und Bischof Gerhard Ludwig Müller zum obersten Glaubenshüter in den Vatikan berief - jene Position, die er einst selbst bekleidete.

Von Christoph Arens (KNA)