Ein Schutzengel.
Über den Glauben an und die Theologie zu den Engeln

Beschützer auf allen Wegen

Versicherungsgesellschaften werben mit dem Schutzengel-Gefühl, Aufkleber an KFZ-Heckscheiben tragen den Spruch "Fahr nie schneller als dein Schutzengel fliegen kann". Ein Gag - oder steckt am Ende mehr dahinter?

Von Margret Nußbaum |  Bonn - 06.01.2015

Immerhin: Zwei Drittel der Deutschen glaubt an himmlische Begleiter und ihre angestammte Rolle als Beschützer. Wer bei einem Treppensturz oder einem Verkehrsunfall lediglich ein paar Blessuren davonträgt, hat einen guten Schutzengel gehabt, heißt es. In den Dienst des sicheren Verkehrs werden gelbe, in den des Umweltschutzes blaue Engel gestellt.

Ein noch im vergangenen Jahrhundert beliebtes Bildmotiv: Ein Schutzengel geleitet zwei Kinder über eine defekte Holzbrücke, unter der ein reißender Bach schäumt. Seit Ende des 19. Jahrhunderts hingen Bilder wie diese vorzugsweise in den Schlafzimmern des Kleinbürgertums. Denn in den Köpfen vieler Christen war die vornehmliche Aufgabe des Schutzengels, Kinder vor Unheil zu bewahren.

Der Schutzengelglaube geht auf Vers 11 des 91. Psalms zurück, der Kindern gern ins Taufalbum geschrieben wird: "Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen." Dass Kinder unter dem besonderen Schutz der Engel stehen, darauf deutet vor allem die folgende Stelle im Matthäus-Evangelium hin: Jesus sagt: "Hütet euch davor, eines von diesen Kindern zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters" (Mt 18,10).

Jeder Mensch hat einen Engel

Die folgende Aussage wird dem heiligen Blasius zugeschrieben: "Jedem Gläubigen steht ein Engel als Beschützer und Hirte zur Seite, um ihn zum Leben zu führen." Dies würde allerdings bedeuten, dass nur Christen Anspruch auf himmlischen Schutz haben. Thomas von Aquin, der große Kirchenlehrer des 13. Jahrhunderts, hat diese Meinung revidiert, indem er sagte, dass jeder Mensch einen Engel hat - ganz gleich, welcher Religion er angehört.

Jesus segnet und umarmt sechs Kinder.

"Lasset die Kinder zu mir kommen": Jesus Christus nannte Kinder immer wieder als Vorbild und warnte davor, sie zu verachten.

Somit sind Engel nicht Teil der Erlösungs-, sondern der Schöpfungsordnung. Die Schutzengel haben sogar einen eigenen Festtag: Im katholischen Jahresfestkreis gilt der 2. Oktober als Schutzengelfest. Ab dem 17. Jahrhundert wurde es in der gesamten katholischen Kirche gefeiert. Im Tagesgebet des 2. Oktober heißt es: "Gott, in deiner Vorsehung sorgst du für alles, was du geschaffen hast. Sende uns deine heiligen Engel zu Hilfe, dass sie uns behüten auf allen unseren Wegen, und gib uns in der Gemeinschaft mit ihnen deine ewige Freude."

Leider gerät das Schutzengelfest immer mehr in Vergessenheit. Es scheint nicht so recht in die moderne Theologie zu passen. Dazu merkt Pater Anselm Grün kritisch an: "In der Theologie sind Engel in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt worden. Die kirchliche Überlieferung aber redet von Engeln als Geschöpfen Gottes. Sie sind also von Gott genauso geschaffen wie der Mensch und stehen in seinem Dienst."

In der Volksfrömmigkeit haben Engel mit der Zeit immer niedlichere Züge angenommen. Zahlreiche Komponisten und Dichter ließen sich davon inspirieren, etwa Engelbert Humperdinck. Im "Abendsegen" seiner Märchenoper Hänsel und Gretel ist die Rede von vierzehn Englein, die das Geschwisterpaar in der Nacht behüten. In der Gedichtsammlung "Des Knaben Wunderhorn" der Brüder Brentano gibt es ein altbekanntes Wiegenlied, das Johannes Brahms 1868 vertont hat. Die zweite Strophe beginnt so: "Guten Abend, gut' Nacht, von Engeln bewacht, die zeigen im Traum dir Christkindleins Baum."

Anselm Grün ist ein deutscher Benediktinerpater, Autor spiritueller Bücher, Referent zu spirituellen Themen, geistlicher Berater und Kursleiter.
Bild: © KNA

Anselm Grün ist ein deutscher Benediktinerpater, Autor spiritueller Bücher, Referent zu spirituellen Themen, geistlicher Berater und Kursleiter.

Auch Komponisten unserer Zeit - sogar aus der Rock- und Popszene - bedienen sich der Engel. Der Song "Angels" von Robbie Williams beginnt so: "Ich sitze und warte. Denkt ein Engel über mein Schicksal nach? Und kennen Engel auch all die Stellen, wohin wir einmal gehen, wenn wir grau und alt sind?"

Ein neuer Zugang zu den Engeln

Nachdem es lange Zeit still um die Engel geworden ist, tauchen sie mittlerweile wieder in Scharen auf: Alle möglichen geflügelten Wesen schwimmen auf der Esoterik-Welle der vergangenen Jahre mit. Diese Engel allerdings sind nicht identisch mit den himmlischen Boten des Christentums. Dass sie aber den Nerv moderner Menschen treffen, zeugt von einer tiefen Sehnsucht nach einer heileren Welt.

Wie aber können Christen heute wieder einen neuen Zugang zu Engeln finden, ohne in esoterischen Gewässern fischen zu müssen? Eine gute Anregung findet sich im Hebräerbrief: "Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt" (Hebräer 13,2).

In diesem Sinne kann jeder Mensch für einen anderen zum Engel werden. "Nach dem heiligen Augustinus ist Engel eine Bezeichnung für eine Aufgabe, nicht für ein Wesen", erklärt Anselm Grün. "Der Engel ist der Bote Gottes, durch den Gott dem Menschen eine Botschaft sendet oder ihn begleitet und etwas in ihm bewirkt. Der Engel kann in einem Menschen zu uns kommen, im Traum oder in unserer Seele. Der Ort, an dem Engel erfahren werden können, ist das menschliche Herz."

Von Margret Nußbaum