12. Türchen, 12. Gedicht
Mit 24 Gedichten durch den Advent

"Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!"

"Morgen, Kinder, wird's was geben" - dieses Weihnachtslied kennt jedes Kind. Doch in vielen Familien bleibt am Heiligen Abend der Platz unterm Christbaum leer. Ein Zustand, den Erich Kästner kritisiert.

Von Roland Müller |  Bonn - 12.12.2017

"Tannengrün mit Osrambirnen" – Darauf sollten arme Leute "pfeifen", meint Erich Kästner in seinem satirischen Weihnachtsgedicht.

"Morgen, Kinder, wird's nichts geben!"

Erich Kästner ist einer meiner Lieblingsdichter: Als Kind habe ich seine bekannten Jugendbücher, wie "Das fliegende Klassenzimmer" oder "Emil und die Detektive" bis tief in die Nacht hinein gelesen – trotz der Verbote meiner Eltern. Doch heute schätze ich besonders die Gedichte von Kästner. Er selbst hat sie wegen seines sachlichen und nüchternen Tons stets als "Gebrauchslyrik" bezeichnet. Ich mag seinen satirisch-kritischen Blick auf die Welt, der sich auch im "Weihnachtslied, chemisch gereinigt" zeigt.

Der Verfasser stellt ganz realistisch fest: Ein üppig geschmückter Tannenbaum, darunter Geschenke in Hülle und Fülle sowie ein Festmahl, bei dem sich der Esstisch biegt – all das gibt es für die meisten Menschen nicht. Mit dem ersten Vers des Gedichts macht Kästner klar, dass er sich von dieser gemütlichen und bürgerlichen Weihnachtsromantik bewusst abgrenzt. Das viel gesungene Weihnachtslied "Morgen, Kinder, wird's was geben" verkehrt er ins Gegenteil: "Morgen, Kinder, wird's nichts geben!" Kästner ist kein Träumer; eine baldige Veränderung der gesellschaftlichen Zustände erwartet er nicht: "Einmal kommt auch Eure Zeit. Morgen ist's noch nicht so weit." Bestenfalls kommt der Weihnachtsmann "nur nebenan".

Die Religion verschont Kästner bei seiner Kritik nicht. Er bemängelt, dass das Christentum seine Botschaft vom Kirchturm verkündet, gleichsam von oben herab. Der Glaube wird als Mittel der Erziehung eingesetzt und soll auch "die kleinsten Kinder klug" machen. Doch die eigentlichen Adressaten der Botschaft des Evangeliums, die Armen, scheint die Kirche nicht zu erreichen. Deshalb findet Kästner, dass es auch "ohne Christbaum" und damit ohne Glauben gehe. Er gesteht Gott jedoch zu, nicht allein an der Misere Schuld zu sein. Der Autor attestiert ihm wenigstens den Willen zum Guten: "Gottes Güte reicht so weit".

Kästners satirisches Gedicht rüttelt mich durch seinen Realismus auf. Es zeigt trotz – oder gerade wegen – seiner beißenden Ironie, dass Weihnachten viel mehr sein muss als angestaubte Traditionen und biedere Gemütlichkeit. Gerade wir Christen sollten durch den Blick auf Armut und Ungerechtigkeit unsere Aufgabe erkennen, Gottes Barmherzigkeit in dieser Welt in die Tat umzusetzen. Das Weihnachtsfest ist dafür ein guter Startpunkt.

Von Roland Müller