15. Türchen, 15. Gedicht
Mit 24 Gedichten durch den Advent

Weihnachtliches Vogelzwitschern

Die Geburt Jesu ist ein Ereignis, das nicht nur die Menschen betrifft. Auch die Natur wird vom weihnachtlichen Geschehen berührt - das behauptet jedenfalls der "Gesang der Vögel".

Von Roland Müller |  Bonn - 15.12.2017

Der Gesang der Vögel

Während sie aufgehen sehen
das kräftigste Licht
in der glückseligsten Nacht
beginnen die Vöglein singend
zu feiern
mit ihren zierlichen Stimmen.

Und der Kaiseradler
fliegt in den Himmel hinauf
singt eine Melodie
und spricht: Jesus ist geboren,
um von uns die Sünde wegzunehmen
und uns große Freude zu geben.

Ihm antwortet der Sperling:
Die Weihnachtsnacht heute
ist eine Nacht großer Freude!
Der Grünfink und der Zeisig
sprechen auch singend:
Oh, welche Freude fühle ich!

Und der Hänfling singt:
Oh, wie schön und wie hübsch
ist das Kind der Maria!
Diesem antwortet nun die Singdrossel:
Besiegt ist der Tod
und mein Leben wird geboren!

Die Nachtigall murmelt:
Er ist schöner als die Sonne,
funkelnder
als ein Stern
Der Rotschwanz und das Schwarzkehlchen
feiern den Sanften
und ebenso seine Mutter, die Jungfrau.

(gekürzt)

Ein Vogel zwitschert im Walde.

Jedes Mal, wenn ich den "Gesang der Vögel" höre, läuft mir ein ehrfürchtiger Schauer über den Rücken. Denn das alte katalanische Weihnachtsgedicht und Volkslied vereint einen poetischen Text über die Geburt Jesu mit einer anrührenden Melodie. Doch es ist weit mehr als eine weihnachtliche Weise: "El cant dels ocells", wie es im Original heißt, ist so etwas wie eine inoffizielle Hymne Kataloniens. In ihm verdichten sich gleichermaßen das Staunen vor der Geburt Jesu und der katalanische Drang zur Freiheit.

Mich beeindrucken die 15 Strophen des Liedes: Die Vögel sehen das Weihnachtsereignis und geben die Kunde von der Menschwerdung Gottes singend untereinander weiter. Insgesamt sind es 32 Vogelarten, die das Jesuskind und seine Mutter Maria preisen. Ich kann mir ihren Gesang regelrecht vorstellen, wenn ich morgens am offenen Fenster stehe und dem Zwitschern der Vögel lausche. Sie nennen Christus "das kräftigste Licht" und den "Sanften". Ein Vogel gibt dabei den Staffelstab des Lobpreises an den nächsten weiter: Der Kaiseradler als König der Lüfte übergibt an den Sperling, der als kleiner Vogel auf dem Erdboden alles Essbare aufpickt; die Nachtigall, der abendliche Singvogel, preist Jesu Schönheit, die Sonne und Sterne überstrahlt, woraufhin Rotschwanz und Schwarzkehlchen ihr Marienlob hören lassen. Dieses Lob durch die Natur erinnert mich an die Legende vom heiligen Franziskus, der zu den Vögeln predigte. Nur mit dem Unterschied, dass im "Gesang der Vögel", die Bewohner der Lüfte selbst das Weihnachtsereignis erkennen und keiner menschlichen Vermittlung bedürfen.

Für die Bedeutung des Liedes im 20. Jahrhundert war besonders der berühmte katalanische Cellist Pau Casals prägend: Er beendete seit 1939 jedes seiner Konzerte mit diesem Weihnachtslied aus dem 18. Jahrhundert. Casals befand sich seit 1936 wegen seiner Opposition gegen den spanischen Diktator Francisco Franco im französischen Exil. Um seine Hoffnung auf eine Rückkehr in sein Heimatland Katalonien auszudrücken, machte er den "Gesang der Vögel" zu einem Symbol des Widerstands. Das Lied ist derart stark in der katalanischen Seele verwurzelt, dass es noch in den vergangenen Monaten bei den Protesten für ein unabhängiges Katalonien erklang – als Weihnachtslied mit einer politischen Botschaft.

Von Roland Müller