16. Türchen, 16. Gedicht
Mit 24 Gedichten durch den Advent

Weihnachten als Herausforderung

Weihnachten ist für Christen eine echte Herausforderung: Gott bricht auf und wird Mensch. Das drückt Andrea Schwarz in ihrem Weihnachtsgedicht aus und fordert den Leser auf, aktiv zu werden.

Von Madeleine Spendier |  Bonn - 16.12.2017

Heraus-Forderung (Andrea Schwarz)

Weihnachten heißt nicht
dass alles so bleibt wie es ist
sondern das heißt
dass alles so wird, wie es werden soll
das ist
Aufbruch
Anfang
Anders
das ist
Losgehen
Loslassen
Lösen
das ist die
Zumutung,
die mich
heraus-
fordert.

Mit einer großen Aufbruchsstimmung setzt das Adventsgedicht von Andrea Schwarz (61) an. Sie gehört zu den meistgelesenen christlichen Schriftstellerinnen in Deutschland. Die gelernte Industriekauffrau, Sozialpädagogin, Theologin und pastorale Mitarbeiterin im Bistum Osnabrück hat allein schon aus beruflichen Gründen immer wieder Aufbrüche und Neuanfänge in ihrem Leben erlebt. Sie ist oft umgezogen und von Südafrika bis ins Emsland gereist. Mit ihren Texten möchte sie die Menschen auch genau dazu bewegen: "Ich möchte Mut machen, das Neue zu wagen. Immer wieder neue Anfänge zu setzen, denn das hält lebendig", erklärt sie. Genau dort hinein, wo alles gemütlich eingerichtet ist und zum Verweilen einlädt, mahnt sie zum Aufbruch.

Vor welche Herausforderung sie den Leser mit solchen Worten stellt, bleibt offen. Was für eine Zumutung! Aufbrechen, losgehen, sich voneinander lösen, kann durchaus schmerzlich sein und wehtun. Bedenkt Andrea Schwarz damit auch die bitteren Aufbruchserfahrungen, die viele Geflüchtete nur allzu gut kennen, weil sie aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen ihr Land verlassen mussten? Nichts konnte bleiben wie es war, weil es gar keine andere Option mehr gab, als zu gehen. Aufbrechen ins Ungewisse und nicht mehr zurückkommen? Und das sogar an Weihnachten?

Ich denke an die Heilige Familie, Maria, Josef und das Jesuskind, die nach Ägypten geflohen sind, wie es das Matthäusevangelium in der Bibel erzählt. Josef ist im Traum ein Engel erschienen, der ihm befahl aufzubrechen und das Land zu verlassen, damit Herodes das Kind nicht töten konnte. Diese Flucht wird als eine der Sieben Schmerzen Mariens beschrieben, an die der liturgische Kalender am 15. September erinnert. Wieviel Abschiedsschmerz in so einer Flucht stecken kann, erzählt die Bibel nicht. Vielleicht weil sie um die Gefühle weiß, die so ein Aufbruch in eine ungewisse Zukunft mit sich bringt, schließt Andrea Schwarz ihr Gedicht mit dem Bekenntnis des lyrischen Ichs ab: Denn "das ist eine Zumutung, die mich herausfordert."

Maria und Josef und das Jesuskind sind nach vielen Umwegen in Nazareth angekommen und haben dort Heimat und Geborgenheit gefunden. Viele, die aufbrechen, haben dieses Glück nicht. Daher wünsche ich mir für alle, die jetzt im Advent aufbrechen und neue Wege gehen, dass sie ankommen können. Auch an Weihnachten!

Von Madeleine Spendier