18. Türchen, 18. Gedicht
Mit 24 Gedichten durch den Advent

Ohne tieferen Sinn und doppelten Boden

Fritz Eckenga hat ein wenig weihnachtliches Weihnachtsgedicht geschrieben. Redakteur Joachim Heinz zaubert es gerade deswegen jedes Jahr aufs Neue ein entschleunigendes Lächeln auf die Lippen.

Von Joachim Heinz |  Bonn - 18.12.2017

Der Wein war ein Gedicht (Fritz Eckenga)
 
Kartoffeln schälen
Möhren schaben
Derweil schon sich am Weißen laben.
Fisch beträufeln
Und gelassen
Den Roten abseits atmen lass
 
Tomaten vierteln
Schoten waschen
Na gut – noch mal vom Weißen naschen.
Fischbett machen
Ofen wärmen
Vom Bukett des Roten schwärmen.
 
Fisch ins Bett
Bett ins Rohr
Schmeckt der Weiße nach wie vor?
Durchaus! Chapeau!
War auch nicht billig
Der Rote riecht extrem vanillig

Geiter Zwang –
Quatsch: Zweiter Gang!
Weißer – bist ein guter Fang!
Wühnchen haschen?
Hühnchen waschen!
Wird daschu der Rote paschen?
 
Mussich kosten
Junge Junge
Der liegt ewig auf der Zunge!
Tut mir lei – Hicks
Tut mir leiter
Dagegen ist der Weiße Zweiter
 
Huhn muss raten?
Braaaten! Rohr –
Fisch vergessen – kommt mal vor!
Kann nix machen
Muss zum Müll
Der Rote macht mich lall und lüll.

Dummes Huhn
Bis morgen dann
Heut leg’ ich keine Hand mehr an
Dein Fl – Dein Fl –
Dein tzartes Fleisch
Wo far denn noch die Wlasche gleisch?
 
Versteckdichnich!
Ich finde dich!
Heutkochichnich heuttrinkichdich!
Da bissuja
Mein roter Bruder
Dadi Dadu Dadi Daduda!

Eine Hand hält ein Glühwein

Gehört traditionell zum Weihnachtsmarkt dazu: Ein Glas (Glüh-)wein.

Frritz Eckenga also – Ruhrpottfans und Sportbegeisterten dürfte der Name ein Begriff sein. Als "Dichter und Fuchballfachsimpler" lautet das Credo des inzwischen auch schon 62-Jährigen: "Mein Freund ist aus Leder." Viel wichtiger aber: Das Gründungsmitglied des Rocktheater-Ensembles "N8chtschicht" wurde in Bochum geboren und lebt in Dortmund.

Mehr Revier geht eigentlich nicht. In Zeiten der Globalisierung mag von so viel Heimatverbundenheit etwas Beruhigendes ausgehen. Und Ruhe wiederum ist es ja, wonach sich der gestresste Mitmensch gerade an Weihnachten sehnt. Womit ich allmählich zu dem hier ausgewählten Gedicht überleiten möchte.

Darin kommt Weihnachten nicht ein einziges Mal vor - höchstens ein Wort, das so ähnlich klingt. Trotzdem passt es, wie ich finde, in die Zeit. Mir jedenfalls zaubert Fritz Eckenga mit diesen Zeilen alle Jahre wieder ein entschleunigendes Lächeln ins Gesicht: Wenn ich von den Festmahlvorbereitungen meiner Mitmenschen höre. Oder selbst in Feiertagshektik zu verfallen drohe.

Einen tieferen Sinn, einen doppelten Boden gar, kann ich zu Zwecken der Interpretation leider nicht anbieten. Dafür sollte der geneigte Leser vielleicht eher zu Brecht, Goethe und Co greifen. Auch wenn der Schluss von "Der Wein war ein Gedicht" an Lautmalereien im Dadaismus denken lässt, mit denen Künstler im Ersten Weltkrieg gegen die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse aufbegehrten. Manch einer meint ja, dass wir derzeit in einer ähnlich labilen Epoche leben.

Aber noch einmal: Man sollte dieses Poem nicht allzu bierernst nehmen und mit Bedeutung überfrachten. Sondern einfach genießen wie zum Beispiel einen leichten Weißwein. Erschienen ist es übrigens erstmals in einem Sammelband mit "Rettungsreimen", wie Eckenga das nennt. Der Titel ist auch ganz hübsch: "Draußen hängt die Welt in Fetzen, lass uns einen Speck ansetzen."

 

Von Joachim Heinz