2. Türchen, 2. Gedicht
Mit 24 Gedichten durch den Advent

"Sinnend geh' ich durch die Gassen"

Joseph von Eichendorffs "Weihnachten" ist der Klassiker unter den Weihnachtsgedichten. Was ihn persönlich mit dem lyrischen Werk verbindet, das schreibt Redakteur Tobias Glenz.

Von Tobias Glenz |  Bonn - 02.12.2017

"Weihnachten" von Joseph von Eichendorff

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh' ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in's freie Feld,
Hehres Glänzen, heil'ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt's wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

In die verschneite Winterlandschaft zieht es den Erzähler in Eichendorffs Gedicht.

Das ganz persönliche Weihnachtserlebnis

Ja, da werden Erinnerungen wach: Wenn ich Joseph von Eichendorffs Gedicht "Weihnachten" lese, fühle ich mich schnell zurückversetzt in meine Grundschulzeit. Es war – soweit ich mich erinnern kann – das erste Gedicht überhaupt, das ich in der Schule auswendig lernen musste. Noch immer sehe ich mich an Heiligabend etwas nervös unter dem heimischen Tannenbaum stehen. Denn natürlich wollte ich das mühsam Erlernte auch stolz der Familie präsentieren – fehlerfrei versteht sich. Was war ich damals froh, dass ich es nicht vermasselt habe…

Doch nicht allein aus dieser persönlichen Erinnerung heraus zählt Eichendorffs "Weihnachten" bis heute zu meinen Lieblingsgedichten in der Advents- und Weihnachtszeit. Der große deutsche Lyriker und Schriftsteller (1788 - 1857) fängt in vier kurzen Strophen die winterliche, ja weihnachtliche Atmosphäre einfach perfekt ein. Man wird geradezu hineingezogen ins Geschehen und "geht" mit dem Erzähler mit – quasi wörtlich.

Das lyrische Ich präsentiert sich als Einzelgänger, als ein Beobachter, der in den ersten beiden Strophen die festliche Stimmung in einem Dorf – vermutlich seinem Heimatort – beschreibt. Er oder sie ist scheinbar der einzige Mensch, der zu dieser abendlichen Stunde noch durch die Gassen läuft. Die erleuchteten Häuser, der Fensterschmuck der Frauen, die glücklichen Kinder: Es ist eine besinnliche, harmonische Familienatmosphäre, die da beschrieben wird. Doch schwingen auch Melancholie und Sehnsucht mit: Das Leben spielt sich in den Häusern ab, also dort, wo sich der Erzähler eben gerade nicht befindet. Wird er selbst diese familiäre Harmonie vorfinden, wenn er heimkommt, oder erwartet ihn auch dort die Einsamkeit? Das erfährt der Leser nicht.

Vielmehr zieht es das lyrische Ich im zweiten Teil des Gedichtes noch weiter in die Abgeschiedenheit. Der Erzähler verlässt das Dorf und wandert hinaus ins freie Feld, in die verschneite Winterlandschaft. Die Weite der Natur um ihn herum und das funkelnde Sternenzelt hoch über ihm lassen ihn ehrfürchtig erstarren, ein "heil'ges Schauern" erleben. Es ist ein nahezu mystisches Geschehen, bei dem eine große Bewunderung für Gottes Schöpfung zum Ausdruck kommt. Was der Erzähler hier in Stille und Einsamkeit bestaunt, wird zu seinem ganz persönlichen Weihnachtserlebnis. Und so kann er am Schluss versöhnlich, ja enthusiastisch ausrufen: "O du gnadenreiche Zeit!"

Von Tobias Glenz