9. Türchen, 9. Gedicht
Mit 24 Gedichten durch den Advent

"Alles Gute, alles Schlechte, Rechnet sich aus all dem Braus"

Am Ende seines Lebens blickt Theodor Fontane zurück – und er kann zufrieden sein. Wer wünscht es sich nicht, am Ende eines erfüllten Lebens einmal so zufrieden und frohgemut zurückblicken zu können?

Von Gabriele Höfling |  - 09.12.2017

Zum 24. Dezember

Noch einmal ein Weihnachtsfest,
Immer kleiner wird der Rest,
Aber nehm ich so die Summe,
Alles Grade, alles Krumme,
Alles Falsche, alles Rechte,
Alles Gute, alles Schlechte -
Rechnet sich aus all dem Braus
Doch ein richtig Leben heraus.
Und dies können ist das Beste
Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.

Ein Mönch geht durch den Garten von Kloster St. Ottilien.

Das Ende des Lebenswegs ist in Sicht – glücklich, wer so zufrieden wie Fontane zurückblicken kann.

Zugegeben: Eigentlich ist es gar kein Weihnachtsgedicht. Zumindest keins im strengen Sinne: Das Wort "Jesus" kommt kein einziges Mal vor; inhaltlich geht es nicht um die frohe Botschaft der Geburt des Menschensohns. Stattdessen stellt sich Theodor Fontane selbst in den Mittelpunkt seiner Zeilen. Er blickt auf sein Leben zurück  - und stellt sich auch noch sehr selbstbewusst ein gutes Zeugnis aus: Wenn er alles zusammen nehme, dann "rechnet sich aus all dem Braus/Doch ein richtig Leben aus".  

Ich mag das Gedicht – gerade, weil es so unkonventionell daher kommt. Schließlich kommt im Leben des Schriftstellers, der 1898 mit 79 Jahren in Berlin starb, tatsächlich einiges zusammen: Ließ er sich zunächst nach dem Vorbild seines Vaters zum Apotheker ausbilden, machte er später seine Liebe zum Schreiben als Journalist und Schriftsteller zum Beruf. Drei seiner sieben Kinder starben direkt nach der Geburt oder noch in der Kindheit, er überlebte eine Typhuserkrankung, im deutsch-französischen Krieg wurde er fälschlicherweise als Spion festgenommen. Wer wünscht es sich nicht, am Ende eine erfüllten Lebens trotzdem einmal so zufrieden und frohgemut zurückblicken zu können?

Angst vor dem baldigen Tod spricht jedenfalls nicht aus Fontanes Worten. Und an dieser Stelle scheint für mich zwischen den Zeilen dann doch eine Art christliche Botschaft hindurch: Denn genau das ist ja die Hoffnung, die von Jesu Geburt ausgeht: Dass man am Ende seine Lebens nicht traurig sein muss, sondern hoffen kann, dass es weitergeht. Insofern ist das auf den ersten Blick vielleicht etwas plumpe, spröde Gedicht des Realisten Fontane - doch ein schöner Kontrast allzuviel vorweihnachtlichem Kitsch.

Von Gabriele Höfling