Menschen rudern in Schlauchbooten über das Wasser. Blick von Oben auf die Überschwemmung.
Eine Familie lässt ihren Urlaub sausen und hilft Hochwasseropfern

Viel mehr als eine Spende

Urlaub in Griechenland oder Helfen in der Not? Als Familie Baur aus Bayern Anfang 2013 die Bilder vom Hochwasser in Ostdeutschland im Fernsehen sieht ist die Sache klar.

Von Simon Biallowons |  - 06.01.2015

Susanne und Harald Baur geht es nicht anders, als sie in Rehling auf den Fernseher starren. Hier, mitten in Bayern und 450 Kilometer entfernt von all der Verwüstung, sind die beiden dabei, Urlaubspläne zu schmieden. Susanne Baur hat den Laptop auf ihrem Schoß und Internetseiten von Flügen nach und von Hotels in Griechenland geöffnet, doch jetzt hat die gebürtige Fränkin keine Augen mehr für weiße Strände.

Sie blickt auf die Wassermassen, so fern und doch so nah, und sagt plötzlich zu ihrem Mann: "Wir sollten helfen." Er: "Auf jeden Fall. Sollen wir spenden?". Sie: "Fällt uns nichts anderes ein?" Pause. Sie: "Was hältst du davon, wenn wir unseren Griechenlandurlaub ausfallen lassen und stattdessen Kinder aus den Flutgebieten zu uns einladen? Nur für ein paar Tage." Er: "Eine wunderbare Idee. Lass uns die Kinder fragen."

Reise gegen Gastfreundschaft

Susanne und Harald Baur rufen den Familienrat ein. Sohn Hannes ist zu dem Zeitpunkt zwölf, Tochter Sophie zehn Jahre alt. Eine schicke Reise nach Griechenland tauschen gegen eine Gruppe von Fremden im eigenen Haus? Die beiden zögern, aber nur kurz, dann sind auch sie offen für die Idee, die Entscheidung ist gefallen.

Mädchen am Biertisch mit riesigen Spaghettitöpfen vor sich.
Bild: © Baur

Die Mädels beim hochsommerlichen Spaghettiessen auf der Terrasse.

"Für uns war es immer wichtig, ein offenes Haus zu haben, für jeden. Zugleich haben wir versucht, anderen Mensch zu helfen und so auch unsere Kinder zu erziehen", erklärt Susanne Baur und gibt Beispiele: "Mein Mann und ich haben bereits vor mehr als 16 Jahren über World Vision ein Patenkind aus Bangladesch gehabt, das leider verstorben ist. Jetzt versuchen wir einem Kind aus Vietnam zu helfen. Für uns ist das Ausdruck unseres Glaubens, ist es gelebte Nächstenliebe."

Eine Woche wollen die Baurs Kinder aus dem Flutgebiet bei sich aufzunehmen und ihnen so wenigstens eine kurze Auszeit, ein wenig Urlaub zu bieten. Was sich leicht anhört, erfordert mehr Recherche und Organisation als gedacht. Denn: Bevor die Baurs Fremde bei sich aufnehmen können, müssen sie diese erst einmal finden.

Noch fehlen die Fremden

Auf der Suche nach Unterstützung wendet sich Susanne Bauer an die lokale Zeitung "Aichacher Nachrichten". Die Redaktion antwortet eine halbe Stunde später und ist von dem Vorhaben begeistert. Sie veröffentlicht einen Artikel und ruft Familien aus der Umgebung zum Mitmachen auf. Kurz darauf melden sich bereits die ersten, weitere folgen und die Idee der Baurs nimmt konkretere Formen an. Doch wie gesagt: Noch fehlen die Fremden.

"Wir wussten, dass nicht einfach Leute kommen und an unsere Tür klopfen würden", sagt Susanne Baur. Deshalb beginnt sie mit verschiedenen Behörden und Organisationen Kontakt aufzunehmen. Verbindungen nach Pirna werden geknüpft und plötzlich hat Susanne Baur einen Namen: Doreen Horn. Doreen Horn ist Mutter von zwei kleinen Kindern und mit den Nerven am Ende. "Wir haben versucht, über Facebook Hilfe zu organisieren. Alles zu retten, haben wir aber nicht geschafft", beschreibt sie die Katastrophe. Tatsächlich ist schwer zu erahnen, was die Flut für sie und ihre Familie bedeutet.

Und nun kommt Hilfe: Doreen Horn erhält einen Anruf von Susanne Baur. Die beiden Frauen unterhalten sich und sind sich sofort sympathisch. Baur erzählt von ihrer Idee, doch Horn hat Bedenken. Ihre Kinder sind fünf und sieben und sie möchte sie ungern allein verreisen lassen. Die beiden Frauen überlegen weiter und schließlich ist die Lösung gefunden: Susanne Baur lädt nicht nur die beiden Kinder, sondern auch Doreen Horn nach Bayern ein.

Gruppenfoto am Bahnsteig
Bild: © Baur

Die Gäste aus Pirna mit ihren Gastgebern.

"Wir wollten uns selbst einbringen"

Diese Einladung ist nur der Beginn, am Ende kommen neun Kinder aus Pirna ins Wittelsbacher Land. Eine Woche lang dürfen sie den Augsburger Zoo besuchen, Grillabende genießen und am See entspannen. Eine Woche, in der sie zumindest für einige Momente vergessen, was hinter ihnen liegt.

Die Baurs und ihre Mitstreiter erreichen viel. Harald Baur organisiert freie Zugtickets für die Gäste. Ein Spediteur aus Pirna bringt das Gepäck nach Bayern. Er fährt die Nacht durch, bleibt für ein kurzes Frühstück und fährt direkt im Anschluss die gesamte Strecke zurück: die Aufräum- und Aufbauarbeiten an der Elbe dulden keine Pause.

Sieben Tage sind die Gäste bei ihren Gastfamilien und nicht nur zwischen Doreen Horn und Susanne Baur entwickelt sich eine enge Freundschaft. "Am Anfang war es natürlich ungewöhnlich, die ganze Zeit die Bude voll zu haben. Aber es war für uns alle eine Bereicherung", sagt Susanne Baur. Bis heute bestehen Kontakte. "Manche Kids schreiben mir jede Woche eine Nachricht." Und noch etwas bewegt sie im Rückblick: "Es war faszinierend zu sehen, wie viele Menschen uns spontan geholfen haben."

Ob sie etwas Ähnliches wieder machen würde? "Auf jeden Fall. Wir wollen unsere Kinder im Glauben erziehen und da sind solche Beispiele wichtig. Wir wollten nicht einfach nur hundert Euro spenden, uns dann zurücklehnen und denken: 'Pflicht getan'. Wir wollten uns selbst einbringen und teilen. Unser Engagement, unsere Zeit und unser Haus."

Parallelen aus der Bibel

In der Bibel gibt es viele Stellen über Nächstenliebe. Die Geschichte des barmherzigen Samariters ist nur eine, aber wahrscheinlich die bekannteste. Auch dabei geht es darum, dass einem Mann von einem Fremden, ja dem Angehörigen einer anderen Bevölkerungsgruppe, selbstlos geholfen wird. Das Aufnehmen von Fremden galt später als etwas, was charakteristisch für die Nächstenliebe ist. Von den klassischen neun "Werken der Barmherzigkeit" ist ein Werk Fremde und Obdachlose zu beherbergen. Und in der Endzeitrede Jesu heißt es: "Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen." (Mt 25,35-36 ff)

Von Simon Biallowons