Eine Lehrerin unterrichtet ein Flüchtlingskind.
Bild: © KNA
Kolping-Referentin Samantha Ruppel über die Integration von Flüchtlingen

Bildung als elementarer Bestandteil

Wie wichtig ist die deutsche Sprache für Flüchtlinge? Und wie gelingt ihnen der Übergang von der Schule in den Beruf? Ein Gastbeitrag von Samantha Ruppel vom "Kolping-Netzwerk für Geflüchtete".

Von Samantha Ruppel |  Düsseldorf - 22.06.2016

Für Geflüchtete ist Bildung ein elementarer Bestandteil ihrer Integration. Hier setzen auch die Kolping-Einrichtungen an. Aus ihren praktischen Erfahrungen mit Geflüchteten lassen sich Perspektiven für eine gelingende Integrationsarbeit ableiten.

Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten in Deutschland nahm im vergangenen Jahr erheblich zu. Allein in Frankfurt am Main wurden im vergangenen Jahr 4.186 aufgenommen. Im Jahr davor waren es lediglich 987. Das stellt die Soziale Arbeit vor große Herausforderungen: Gerade für unbegleitete Minderjährige ist der Zugang zu Bildung besonders wichtig. Sie haben sehr unterschiedliche Bildungshintergründe und sind besonders auf die Perspektive angewiesen, die ihnen eine gute Ausbildung ermöglicht.

Unterstützung auch nach der Volljährigkeit

Lisa Hartig ist Mitarbeiterin beim Kolping-Jugendwohnen in Frankfurt. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Silvia Muntetschiniger vom Internationalen Familienzentrum e.V. berichtet sie, dass es zuerst darauf ankomme, Vertrauen und soziale Beziehungen aufbauen, damit die jungen Geflüchteten eine eigene, von ihrem sozialen Umfeld akzeptierte Identität entwickeln und Bildungs- wie Freizeitangebote wahrnehmen können. Der Aufbau dieses Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen auch im Bildungsbereich ist entscheidend: "Aus unseren Erfahrungen in der stationären Jugendhilfe besteht eine zentrale Herausforderung in der Praxis der Sozialen Arbeit darin, den Spagat zwischen den auf Vertrauen und Verlässlichkeit setzenden Angeboten der Jugendhilfe und dem oft ungewissen Ausgang eines langwierigen Asylverfahrens auszuhalten", sagt Hartig.

Auch nach Erreichen der Volljährigkeit sind Geflüchtete auf Unterstützung angewiesen – deshalb sollten sie nicht aus dem Fördersystem der Jugendhilfe herausfallen. Bis zum Abschluss der Schul- und Berufsausbildung muss dieses Fördersystem weiterhin bedarfsweise zur Verfügung stehen, fordert das Kolpingwerk Deutschland. Der Übergang von Schule und Beruf gilt auch für deutsche Jugendliche als große Herausforderung. Für junge Geflüchtete ist er ungleich schwerer.

Samantha Ruppel ist Projektreferentin beim "Kolping-Netzwerk für Geflüchtete"

Samantha Ruppel ist Projektreferentin beim "Kolping-Netzwerk für Geflüchtete"

Betreuer weisen darauf hin, dass die fehlende Zukunftsperspektive bei den meisten jungen Geflüchteten, die traumatische Lebenserfahrungen verarbeiten müssen, einer Rückkehr in die Normalität am stärksten entgegensteht. Die Aussicht, eine Berufsausbildung ergreifen und abschließen zu können, bietet jungen Menschen aber die nötige Perspektive. Aus den Erfahrungen der Arbeit in den verschiedenen Einrichtungen von Kolping hat sich gezeigt, dass Integration durch Bildung gelingen kann. Allerdings nur, wenn der Bildungsprozess auch begleitet wird, unabhängig vom Alter der Geflüchteten. Es gilt, ein ganzheitliches Bildungskonzept für geflüchtete Menschen zu schaffen und das bestehende Bildungssystem dahingehend zu öffnen.

Ein zentraler Bestandteil von Bildung ist der Spracherwerb. Wenn die Jugendlichen im Kolping-Jugendwohnheim in Frankfurt ankommen, sprechen sie meist noch kein Deutsch. Da braucht es viel Kreativität der pädagogischen Fachkräfte.

Eine große Herausforderung sind die Vorprüfungen

In der Regel können minderjährige Geflüchtete in speziellen Integrationsklassen zur Schule gehen. An Berufsschulen erfolgt dies in sozialpädagogisch begleitenden Bildungsgängen zur Berufsvorbereitung mit dem Ziel, einen Schulabschluss zu erwerben. Voraussetzung für die heiß begehrten Schulplätze ist eine erfolgreiche Deutsch- und Mathematik-Prüfung. Eine große Herausforderung: Durch die Flucht haben die Jugendlichen schulisch viel versäumt.

Seit Januar 2016 gibt es neue Zugangsmöglichkeiten zu Bildungseinrichtungen für Jugendliche im Übergang zum Erwachsenenalter. Auch sie haben jetzt einen Anspruch auf einen Platz in einer Integrationsklasse. Der Übergang in eine Regelklasse ist nicht einfach. Zur Unterstützung der Jugendlichen stellt Kolping verschiedene Bildungsangebote in den Einrichtungen bereit, von Hausaufgabenbetreuung bis zusätzlichen Deutsch- und Englischstunden. Möglich ist das nur durch die Zusammenarbeit mit Stadtteilbibliotheken und durch das Engagement von Ehrenamtlichen.

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Jugendliche haben sich mit großen Erwartungen an das Leben in Deutschland auf die Flucht begeben. Erwartungen, die nicht immer erfüllt werden können. Unzufriedenheit, Ungeduld und Enttäuschung sind die Folge. Pädagogische Fachkräfte sollten daher eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Geflüchteten nicht scheuen, ihren Erwartungen mit Verständnis entgegentreten und sie dabei unterstützen, ein realistisches Bild von Deutschland zu gewinnen. Hier setzt politische Bildung an, die den Balanceakt zwischen Bewahrung der Herkunftskultur und Integration in die Kultur und Gesellschaft Deutschlands unterstützt.

Die vielen Ehrenamtlichen des Kolpingwerkes Deutschland engagieren sich in einer Vielzahl von Sprachkursen und Begegnungscafés ehrenamtlich für die Geflüchteten. Gerade diese niederschwellige Angebote sind es, die Bildung auch auf beiden Seiten ermöglichen. Wenn die Geflüchteten über ihre Herkunftsländer, ihre Kultur und ihren Glauben erzählen, trägt das dazu bei, dass ein Verständnis auf beiden Seiten entsteht – das ist für gesellschaftliche Integration unabdingbar.

Perspektiven in Deutschland

Wie wichtig Bildung und Sprache für den Zugang zum Arbeitsmarkt sind, zeigt auch das Programm "Start.de" der Kolping-Akademie in Donauwörth. Im Zentrum der sechsmonatigen Kurse steht das Erlernen einer berufsbezogenen Sprache, die Hilfe bei der Berufsfindung durch Praktika und die Mitarbeit in Werkstätten. So werden erste fachliche Kenntnisse erworben. Einer der Teilnehmer ist Sanni Alieu. Der 28-Jährige aus Sierra Leone ist vor gut anderthalb Jahren nach Deutschland geflüchtet und wohnt in einer Asylunterkunft in Kaisheim. „Sanni war sehr, sehr strebsam und hat immer viel Fleiß gezeigt“, mit diesen Worten entlässt Ursula Vollmering, die Teamleitung bei Kolping, ihren Schützling nach fast einem halben Jahr aus ihrem Kurs.

Zwei Praktika hat der 28-Jährige während des Kurses absolviert. Zuerst in einer Holzhandlung, danach in einer Logistikfirma in Buchdorf. Er wartet nur noch auf die Arbeitserlaubnis: Dann kann er wahrscheinlich als Staplerfahrer bei seiner ehemaligen Praktikumsfirma anfangen. Auch den Staplerschein hat er während eines Praktikums gemacht.

"Mein Ziel ist es, bei der Firma in Buchdorf ab September eine Ausbildung als Lagerist zu machen", sagt Alieu. Sein Arbeitgeber hat ihm das bereits in Aussicht gestellt. Auch in seiner Heimat war der Asylbewerber als Lagerarbeiter beschäftigt. "Bei Kolping habe ich viel gelernt: Grammatik, viele neue Verben, Sprechen und Schreiben. Es war sehr gut hier", berichtet Sanni über seinen Kurs.

Die Geschichte von Sanni Alieu zeigt: Auch volljährige Geflüchtete brauchen aktive und langfristige Begleitung auf ihrem Bildungsweg. Nur so ist es möglich, dass Integration langfristig gelingen kann.

Von Samantha Ruppel