Integrationskultur muss wachsen
Sozialethikerin Heimbach-Steins über die Vorraussetzungen für gelingende Integration

Integrationskultur muss wachsen

Integration geschieht nicht von selbst, sondern nur, wenn der Nährboden entsprechend kultiviert wird, so Sozialethikerin Marianne Heimbach-Steins, in ihrem Gastbeitrag zur Debatte um die Flüchtlingskrise.

Von Marianne Heimbach-Steins |  Münster - 16.05.2016

Erzbischof Heße geht in seinem Beitrag "So schaffen wir das!" der Frage nach, wie die "Willkommenskultur" gegenüber den in den vergangenen Monaten in Deutschland angekommenen Flüchtlingen zu einer dauerhaften "Integrationskultur" weiterentwickelt und in der Gesellschaft verankert werden kann. Er lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass Integration ein langfristig herausfordernder Prozess ist, der nicht nur die Neuankömmlinge, sondern die ganze Gesellschaft beansprucht und verändert.

Das spüren sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft. Sie reagieren so verschieden wie ihre Lebensumstände und -erfahrungen sowie die Einflüsse und Interpretationen, auf die sie hören, sind. Engagement in der Flüchtlingshilfe, der große Einsatz von ungezählten Erziehern, Lehrern, kommunalen Verantwortungsträgern und anderen stehen Verunsicherung, Skepsis und Abwehr gegenüber befürchteten Veränderungen des Alltagslebens und der Gesellschaft insgesamt gegenüber.

Gesellschaft nicht als "geschlossene Veranstaltung"

Eine "Integrationskultur", die diesen Namen verdient, geht an die Wurzeln des Selbstverständnisses der Gesellschaft als Raum politischer und sozialer Zugehörigkeit. Eine Gesellschaft, die sich für Flüchtlinge öffnet, hat eine erste Antwort auf diese Frage gegeben: Sie ist keine "geschlossene Veranstaltung". Wer dazu gehört, lässt sich nicht einfach mit dem Verweis auf die Nationalität und/oder die Religion begründen, auch wenn in Deutschland sehr lange an einem Verständnis der Zugehörigkeit festgehalten wurde, das die Abstammung als einziges Kriterium gelten ließ.

Bild: © KNA

"Das grundgesetzlich verbriefte Recht auf Religionsfreiheit gilt als Recht der Person unabhängig von der Religionszugehörigkeit für jeden - Christ wie Muslim wie Agnostiker", so Marianne Heimbach-Steins.

Die Exklusivität dieser Vorstellung ist seit der Reform des Staatsbürgerschaftsrechtes im Jahr 2000 überwunden. Für die moderne, offene Gesellschaft in einem auf menschenrechtliche Grundfesten gebauten Rechtsstaat bilden die Anerkennung jedes Einzelnen als Mensch mit gleicher Würde und als Rechtssubjekt sowie das Verbot der Diskriminierung die Grundkriterien des gesellschaftlichen Integrationsprozesses. Dieses Fundament steht einem Denken gemäß der schroffen Alternative "Wir" - die Deutschen, die Christen... -  gegen "die Anderen" - die Ausländer, Fremden, Muslime... - entgegen.

Das gesellschaftliche "Wir" wird komplexer

Mit den Flüchtlingen, die in Deutschland Aufnahme gefunden haben und - auf eine gewisse Zeit oder auf Dauer - hier bleiben werden, wird das gesellschaftliche "Wir" komplexer und schwieriger zu definieren: Die zunehmende Heterogenität der Gesellschaft, so lässt es sich auf den Begriff bringen, stellt eine zentrale Herausforderung für die "Integrationskultur" dar. Dazu gehört die aktuell wieder in den gesellschaftlichen Streit gezogene religiöse Pluralität, konkret die Frage nach der Rolle des Islam in der Gesellschaft.

Das grundgesetzlich verbriefte Recht auf Religionsfreiheit gilt als Recht der Person unabhängig von der Religionszugehörigkeit für jeden - Christ wie Muslim wie Agnostiker. Es schließt nicht nur die Freiheit ein, einen Glauben zu haben (oder nicht zu haben) und im Stillen zu bekennen, sondern auch die Freiheit, diesen Glauben alleine oder mit anderen privat und öffentlich auszuüben. So wenig deshalb eine Gesellschaft, die dieses Grundrecht hochhält, Christen den Bau von Kirchen und die Feier von Gottesdiensten verbieten kann, so wenig kann der muslimischen Gemeinde in Deutschland der Bau von Moscheen und Minaretten verwehrt werden. Diese Symbole des Islam pauschal als Signale eines Herrschaftsanspruchs und als Ausdruck einer politischen Ideologie zu denunzieren, zeugt von einem reduktionistischen Verständnis der Religionsfreiheit.

Konflikte um die Freiheit der Religionsausübung, um religiöse Symbole im öffentlichen Raum und um die Rolle und die Rechte der Religionsgemeinschaften (die von den individuellen Rechten der Gläubigen zu unterscheiden sind) müssen in einer religiös pluralen Gesellschaft ausgetragen werden können, ohne dass die Konfliktparteien einander ihr Recht grundsätzlich streitig machen. Einen problematischen Einfluss bestimmter islamisch geprägter Länder auf die und in den muslimischen Gemeinden europäischer Länder einzudämmen, muss auf politischem Wege erfolgen, nicht durch Beschneidung der Religionsfreiheit von Muslimen hierzulande. Dies zu vertiefen, wäre ein eigenes Thema.

Streit um die Religionsfreiheit

Der immer wieder aufflammende Streit um die Religionsfreiheit und die Instrumentalisierung der Religion als Kriterium der Integration oder Ausschließung von "Fremden" zeigt beispielhaft: Auch mit der grundsätzlichen Offenheit der Gesellschaft für Menschen, die nicht "schon immer" dazu gehört haben, ist noch nicht geklärt, wie das "Dazu gehören" für die Neuankömmlinge konkret wird, ob und wie stark sie sich als integriert erfahren können, was sie selbst dazu tun können oder müssen, und welche Hilfen die Gesellschaft ihnen dazu zur Verfügung stellen muss.

Dossier: So schaffen wir das - Die Debatte zur Flüchtlingskrise

"Wir schaffen das" ist zum geflügelten Ausspruch in der Flüchtlingskrise geworden. Doch wie kann eine realistische Willkommens- und Integrationspolitik künftig aussehen? Darüber lässt katholisch.de in einer Serie Experten aus unterschiedlichen Bereichen diskutieren.

Deshalb ist es in der Tat entscheidend wichtig, die zentralen "Medien" der sozialen Integration in den Blick zu nehmen: Bildung und Arbeit, und ebenso die politischen Weichenstellungen, Maßnahmen und Programme, die den neu ins Land gekommenen Flüchtlingen möglichst rasch und wirkungsvoll die Möglichkeit eröffnen, je nach Lebensalter und Vorerfahrungen in die Schulbildung, in eine Ausbildung oder eine berufliche Tätigkeit einzusteigen. Für die allermeisten der Flüchtlinge ist eine Voraussetzung dafür, zunächst mit der deutschen Sprache vertraut zu werden und grundlegende Orientierungen über die Funktionsweise ihrer Aufnahmegesellschaft zu bekommen - nicht nur im Umgang mit Behörden.

Integrationskultur muss langsam wachsen

Die Chance auf gleichberechtigte soziale und ökonomische Teilhabe ist eine zentrale Bedingung für dauerhaft gelingende Integration. Das bedeutet auch für eine wirtschaftlich starke Aufnahmegesellschaft eine immense Aufgabe, weil einerseits große öffentliche Investitionen in das Bildungs- und Ausbildungswesen erforderlich sind, und andererseits, weil die schnell spürbaren Veränderungen des Zusammenlebens in den lokalen Kontexten vor allem der Städte - in Kindertagesstätten und Schulen, in den Betrieben, in den kommunalen Verwaltungen - die konkret betroffenen und beteiligten Personen vielfach ohne die eigentlich notwendige Vorbereitung "ereilen".

Integrationskultur ist nicht von heute auf morgen zu "machen", sie muss wachsen. Das geschieht aber nicht von selbst, sondern nur, wenn der gesellschaftliche Nährboden entsprechend kultiviert wird. Dazu reicht guter Wille nicht aus, so notwendig und vielfach vorhanden er ist. Es braucht kurzfristig viel Improvisationsbereitschaft, es braucht Kreativität und Ideen, um die vorhandenen Strukturen und Regelwerke behutsam der veränderten Situation so anzupassen, dass bürokratische Hürden abgebaut und innovative Lösungen erleichtert werden; es braucht Investitionen in Infrastruktur und vor allem in Personal, um den neuen Anforderungen in den Erziehungs- und Bildungseinrichtungen gerecht werden zu können. Und es braucht auf der politischen Ebene die konsequente Fortsetzung des eingeschlagenen Weges einer offenen Gesellschaft, damit Mauern und Zäune weder an den Landesgrenzen noch in den Köpfen erneut in die Höhe wachsen.

Die Autorin

Marianne Heimbach-Steins (*1959) ist Direktorin des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK).

Von Marianne Heimbach-Steins