Mann schreibt an Tafel
Katholische Unternehmer zum Umgang mit Flüchtlingen

Keine Integration für alle

Warum in einen Sprachkurs für Flüchtlinge investieren, die nicht in Deutschland bleiben? fragen die katholischen Unternehmer Reinald Wolff und Stephan Teuber in einem Gastbeitrag auf katholisch.de.

Von Von Stephan Teuber und Reinald Wolff |  Bonn - 19.05.2016

Erzbischof Stefan Heße bietet mit seinem Beitrag "So schaffen wir das!" einen ermutigenden Blick auf die Machbarkeit der Integration von Flüchtlingen in Deutschland. Er hält uns kritisch vor Augen, dass die christlichen Kirchen selbst einen schwierigen und schmerzhaften Weg zurücklegen mussten, um die Vorzüge von Religionsfreiheit, Demokratie und Pluralismus zu schätzen zu lernen. Als katholische Unternehmer möchten wir diesen Blick auf die Machbarkeit aufgreifen.

Der Nachsatz im Titel des Papiers "wenn alle gesellschaftlichen Kräfte zusammenwirken" öffnet eine Hintertür zum Abwarten. Als Unternehmer kennen wir solche Vorbehalte aus dem betrieblichen Alltag: "Das Produkt wird nur erfolgreich, wenn ... der Markt einen Nutzen erkennt, wir günstig produzieren und auch schnell liefern …" Solche Bedenken gilt es in Ansporn zum Handeln umzumünzen: Wie machen wir Kunden den Nutzen klar? Wie produzieren wir kostengünstig? Wie schaffen wir kurze Lieferfristen? Auf unser Thema bezogen: "Die Integration von Flüchtlingen ist machbar", auch wenn wir nicht immer so recht wissen wie.

Globalisierung ist in der Gesellschaft angekommen

Dass ein Teil der Flüchtlinge in Deutschland bleiben will, kann uns stolz und selbstbewusst machen. Heße stellt zurecht heraus, dass Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und insbesondere an Arbeit wesentlich ist. Hiervon lebt Gesellschaft und gerade durch Arbeit wird Schöpfung gestaltet. Mit den Flüchtlingen erleben wir Globalisierung hautnah. Eine Entwicklung, die viele Betriebe seit Jahren kennen, sei es aufgrund weltweiter Zulieferer, wegen des globalen Absatzmarktes oder mit ihrer multinationalen Belegschaft.

Bild: © privat

Reinald Wolff ist Mitgründer der Schmid & Wolff Management Consultants und BKU-Vorsitzender der Diözesangruppe Rottenburg-Stuttgart.

Wir sollten unterscheiden zwischen Kriegsflüchtlingen oder politisch Verfolgten und Migranten, die aus anderen Gründen und mit unsicherere Bleibeperspektive nach Deutschland kommen. Wer anerkanntermaßen vermutlich länger bei uns lebt, für den geht es um Teilhabe. Der Erzbischof fordert aber für jeden Migranten in unserem Land Sprach- und Integrationskurse – unabhängig davon, ob eine dauerhafte Bleibeperspektive besteht oder nicht. Hier denken Unternehmer anders. Es gilt, Chance und Aufwand abzuwägen. Investition in einen Sprach- und Integrationskurs sind fragwürdig, wenn die Bleibeperspektive nur wenige Wochen oder Monate beträgt. Warum nicht einen zweistufigen Ansatz wählen: Barmherzigkeit wird allen zuteil; Anstrengungen zur Integration aber nur bestimmten Gruppen von Migranten.

Barmherzigkeit ja, Gleichheitsprinzip nein

Die Würde des Menschen ist unantastbar, für Christen ist jeder Mensch Gottes Ebenbild. Jede Person hat aus sich heraus Rechte, beispielsweise auf angemessene Versorgung, Mindeststandards in der Lebenssituation oder Möglichkeiten zur Information und Kommunikation. Eine unterschiedliche Zumessung von Ressourcen in Abhängigkeit von individueller Bleibeperspektive ist auf der humanitären Ebene unsolidarisch und unchristlich. Wenn es aber um die aktive Potenzialentwicklung von Flüchtlingen in unserer Gesellschaft geht, spielt die zeitliche Perspektive eine wichtige Rolle. Wir sollten Investitionen, die über das Barmherzigkeitsgebot hinausgehen, auf die Gruppe von Flüchtlingen konzentrieren, die aufgrund ihrer Bleibeperspektive langfristig einen gewissen "Return on Investment" im Rahmen unserer Gesellschaft erwarten lassen. Hier geht es ja nicht nur um Geld, sondern in viel höherem Maße um soziale Stabilität, um die notwendige Assimilierung, aber auch um kulturelle Bereicherung.

Die Betreuung und Integration von Flüchtlingen findet vor Ort in den Kommunen statt. "Die katholische Kirche will ihr Engagement vor Ort in nächster Zeit deutlich ausbauen." Hier werden bestehende kirchliche Einrichtungen als Arbeitgeber oder als Träger von Berufsbildungsstätten genannt. Lokal muss die Kirche das "Rad nicht selbst neu zu erfinden", sondern kann, nach dem Prinzip der Subsidiarität, auch vorhandene Initiativen stärken. Nicht mit der Überlegung: Was können wir als katholische Kirche vor Ort noch tun? Sondern beispielsweise bei Asylvereinen nachfragen, wie können wir Euch stärker unterstützen?

Bild: © Loquenz

Stephan Teuber ist Geschäftsführer der Loquenz Unternehmensberatung GmbH und Mitglied im Bundesvorstand des Bundes katholischer Unternehmer (BKU).

Unsere Erfahrung in den Betrieben ist, dass Mitarbeiter "vor Ort" meist sehr genau wissen, was ihnen zur Verbesserung ihres Tagesgeschäfts helfen würde. Dafür braucht es häufig nichts Neues, sondern eher Unterstützung, bereits Vorhandenes zu optimieren. Gut wird es dann, wenn jeder vor Ort das beiträgt, was er am besten kann!

Pragmatische Lösungen für hohe Hürden

"Wir haben es uns leichter vorgestellt, aber Raphael O. ist sehr engagiert bei seiner Arbeit", so der Kommentar eines Stuttgarter Unternehmers, der dem nigerianischen Flüchtling ein auf die Ausbildung vorbereitendes dreimonatiges Praktikum bietet. Bildung ist der Schlüssel für den Einstieg in Ausbildungsverhältnisse oder Arbeit. Aber ohne Deutsch auf B2-Niveau läuft nicht viel und schulisch muss mancher Geflohene einiges nachholen, um sich dauerhaft zu integrieren. Das benötigt enorm viel Zeit, das Wichtigste aber ist es anzufangen. Es beginnt mit dem gegenseitigen Kennenlernen. Ein Baustein dazu ist beispielsweise die Internet-Plattform migranten-in-ausbildung.de der Stuttgarter Initiative MIA vom Bund Katholischer Unternehmer (BKU) und der Caritas, die Flüchtlinge und Unternehmer zusammenbringen will – nicht nur im Internet, sondern ganz real in Kennenlernrunden und später im Betrieb. Einfach gestaltet sich das nicht unbedingt. So sind die Hürden, den Einstieg in ein reguläres Ausbildungsverhältnis zu schaffen, sehr hoch. Hier müssen pragmatische Lösungen, zum Beispiel ein "Parallelsystem für Flüchtlinge", gefunden werden, wie es Thomas Sattelberger, ehemaliger Personalvorstand der Telekom, skizziert.

Wenn materielle und psychische Grundbedürfnisse einigermaßen erfüllt sind, geschieht der erste Schritt zur Integration vor Ort, über soziale Kontakte zu Ehrenamtlichen sowie die Gelegenheit, Deutsch im Alltag und mit Deutschen zu sprechen und unsere Gepflogenheiten kennenzulernen. Erst dann kommen Ausbildung und Arbeit.

Dossier: So schaffen wir das - Die Debatte zur Flüchtlingskrise

"Wir schaffen das" ist zum geflügelten Ausspruch in der Flüchtlingskrise geworden. Doch wie kann eine realistische Willkommens- und Integrationspolitik künftig aussehen? Darüber lässt katholisch.de in einer Serie Experten aus unterschiedlichen Bereichen diskutieren.

Von Von Stephan Teuber und Reinald Wolff