Das neugeborene Jesuskind in der Krippe.
Weihnachten kann Anstoß dafür seien, das kindliche Staunen und Wünschen neu zu lernen

Inbegriff des Neuanfangs

Ein neuer Mensch werden. Hinter diesen Worten verbirgt sich eine weit verbreitete Sehnsucht. Weihnachten kann Anstoß dafür seien, das kindliche Staunen und Wünschen neu zu lernen.

Von Silvia Becker |  Bonn - 21.12.2013

Nur ist es, entgegen aller Werbeversprechen, in der Realität kaum damit getan, sich ein neues Outfit zu kaufen oder die ultimative Anti-Aging-Creme auf das vom Leben gezeichnete Antlitz zu tupfen. Und selbst der Traumurlaub auf Mauritius bringt selten die erhoffte Lebenswende.

Klaus Hemmerle, der verstorbene frühere Bischof von Aachen, verbindet den Wunsch, ein neuer Mensch zu werden, mit Weihnachten, also ausgerechnet mit dem Fest, das wie keines sonst festgefügt ist durch Traditionen und Rituale. "Wie geht das: ein neuer Mensch werden? Es geht im Kind, es geht in dem, der für uns Kind geworden ist". so seine Worte.

Das Kind ist der Inbegriff des Neuanfangs. Das gilt auf menschlicher Ebene genauso wie auf der Ebene Gottes, dem es gefallen hat, als Kind - und nicht als glanzvoller Herrscher - die Erde zu betreten und gleichsam von unten her das Angesicht der Welt zu erneuern.

Kindlicher Seelengrund als großer Schatz

Was aber bedeutet das für Sie und für mich? Auch wenn die Jahre der eigenen Kindheit verflossen sind, lebt auf dem Grund der Seele das Kind von damals weiter. Oft unbewusst, beiseite geschoben und verdrängt. Viele Lebensträume, Wünsche und Visionen entstammen dieser Schicht und werden nur allzu schnell als "kindisch" und "naiv" abgetan. Dabei stellt dieser kindliche Seelengrund oft den größten Schatz eines Menschenlebens dar, ein Zukunftspotential, mit dem sich wunderbar wuchern ließe.

Ein einsamer Mann am Strand blickt nachdenklich auf das Meer.

Es fällt schwer, nach einem Trauerfall zur Tagesordnung überzugehen

Vielleicht kann die Botschaft vom göttlichen Kind ja dazu ermutigen, diese verborgene Seite des Daseins wieder lebendig werden zu lassen, das Staunen und Wünschen neu zu lernen. Dieser Prozess kann manchmal sogar wehtun, nämlich dann, wenn ich spüre, wie weit ich mich schon entfernt habe von der Quelle des Lebens, wie schwer es mir fällt, Wünsche unbefangen wahrzunehmen, ohne ihnen gleich mit klugen Gegenargumenten den Garaus zu machen.

Ich will dazu ein kleines Beispiel erzählen: Seit meiner Kindheit wünsche ich mir sehnlichst einen Hund. Ich malte meinen Traumhund in allen Farben, die meine Filzstifte hergaben; ich schrieb eine lange Abenteuergeschichte über ihn; ich bat und bettelte und redete wie mit Engelszungen auf meine Eltern ein. Alles vergeblich! Ihr kategorisches Nein war einfach nicht zu knacken.

Gottes stille Gegenwart in jedem von uns

Jahrzehnte später, vor einigen Jahren, tauchte dann bei mir der - glücklicherweise falsche - Verdacht einer gefährlichen Augenkrankheit auf. Mein erster Gedanke angesichts des Schocks: "Sollte ich nun tatsächlich blind werden, dann bestehe ich darauf, einen Blindenhund zu bekommen und mein Kindheitswunsch wird endlich, endlich doch noch erfüllt." Ich wurde nicht blind, aber die Tiefe des Wunsches hat mich dann doch so sehr erschüttert, dass ich einige Zeit später einen Welpen ins Haus holte - allen Unkenrufen und Warnungen zum Trotz.

Mittlerweile ist aus dem kleinen Colliewelpen eine ausgebildete Therapiehündin geworden, mit der ich ehrenamtlich im Düsseldorfer Kinderhospiz tiergestützte Therapieeinsätze mache. Zur Freude der schwerkranken Kinder. Und so hat mein Wunsch aus Kindertagen schließlich doch noch gesiegt.

Natürlich darf sich die Adventszeit, in der die Christen auf Weihnachten zugehen, nicht allein darin erschöpfen, dem eigenen Kindsein nachzuspüren, das Kind in sich selbst zu entdecken und mit seinen vielen Wünschen und Sehnsüchten ernstzunehmen. Die Adventszeit geht darüber weit hinaus, lebt von der Überzeugung, dass sich auf der Suche nach dem Kindlichen auch das göttliche Kind finden lässt: Gottes stille Gegenwart in jedem von uns. Oder - wie die Sprache der Mystik es ausdrückt - die Geburt Gottes in der Tiefe der eigenen Seele.

Zur Person

Silvia Becker ist seit 2008 Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für die Kirchliche Hörfunkarbeit bei Deutschlandradio und Deutscher Welle.

Kirchenjahr: Weihnachten

Festliche Gottesdienste an gleich zwei aufeinander folgenden Feiertagen, die Krippe, der geschmückte Weihnachtsbaum und natürlich viele Geschenke: So aufwendig wie Weihnachten wird kein anderes Fest im Kirchenjahr gefeiert. Das hat natürlich einen Grund.

Von Silvia Becker