EIn altes Buch liegt auf einer Fensterbank. Daneben Kerze und Tannenzweig
Weihnachten zwischen den Zeilen

Lieblingsgedichte

Wer mit Weihnachtsgedichten groß geworden ist, für den bleiben sie für immer. Vier katholisch.de-Redakteure stellen ihre Lieblingsgedichte und -geschichten vor.

Bonn - 20.12.2012

Weihnachten

Markt und Straßen steh'n verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh' ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus. An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein steh'n und schauen,
Sind so wunderstill beglückt. Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in's freie Feld,
Hehres Glänzen, heil'ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt! Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt's wie wunderbares Singen -
O du gnadenreiche Zeit!
Joseph von Eichendorff

Es ist schnulzig, romantisch verkitscht, rührselig, abgedroschen – es ist einfach wunderschön. Noch kein Weihnachtsgedicht hat geschafft, mich so zu bewegen wie Eichendorffs Zeilen. Weihnachten ist ein Fest der Sehnsüchte – vor über 175 Jahren, als Eichendorff dies schrieb, und heute. Bei Eichendorff, dem deutschen Dichter der Wehmut und Sehnsucht, ist es der Wunsch nach Stille, Ruhe und Besinnlichkeit zum Fest, nach "heil'ge[m] Schauern", wie er schreibt.  Wenn ich mich heute über volle Weihnachtsmärkte quetsche, von Weihnachtsfeier zu Weihnachtsfeier hetze und in Kassenschlangen versauere, weil ich noch Geschenke brauche, wünsche ich mir auch nicht selten, mit Eichendorff "hinaus in's freie Feld" zu ziehen. Doch Papier ist geduldig. Wer weiß, ob der Dichter Weihnachten jemals selbst so erlebt hat, wie er es beschreibt. Eichendorff mahnt mich: Weihnachten ist nicht nur das Fest der Sehnsüchte, sondern vielmehr das, was wir aus ihnen machen.

Von Christoph Meurer

Vom Christkind

Denkt Euch,
ich habe das Christkind gesehen!
Es kam aus dem Walde,
das Mützchen voll Schnee,
mit rotgefrorenem Näschen. Die kleinen Hände taten ihm weh;
denn es trug einen Sack,
der war gar schwer,
schleppte und polterte hinter ihm her. Was drin war, möchtet ihr wissen?
Ihr Naseweise, Ihr Schelmenpack
meint ihr, er wäre offen, der Sack? Zugebunden bis oben hin!
Doch war gewiss was Schönes drin;
es roch so nach Äpfeln und Nüssen.
Anna Ritter

Mein Lieblingsweihnachtsgedicht? Ach, ich liebe sie alle. Diese ganzen nostalgischen Glanzbildreime, die mir meine kindliche Weihnachtsvorfreude wieder zurückbringen. Erinnerungen an Abende im warmen Wohnzimmer, Feuer im Kamin, Plätzchen im Mund und meine Mutter zwischen meinem Bruder und mir, unser Weihnachtsbuch in der Hand. "Vom Christkind" habe ich deshalb ausgewählt, weil bei uns tatsächlich immer das Christkind kam und ich das so viel besser fand als den Weihnachtsmann, der meine Freunde beschenkte. Klar, schaute ich mir auch mit Begeisterung "Santa Claus"-Filme im Kino an, aber an die mystische, nicht greifbare Gestalt des Christkindes kam der Coca Cola-Mann einfach nicht ran.  Außerdem gab es ja auch noch den Nikolaus. Schon als Kind war mir klar, da braucht es ein Gegengewicht. Und deswegen habe ich mir das Christkind wohl auch immer weiblich vorgestellt. Dass es etwas mit Jesus in der Krippe zu tun haben könnte, der Gedanke kam mir erst später. Als meine Eltern mir irgendwann gesagt haben, dass es das Christkind nicht gibt, wurde meine Kinderwelt gehörig entzaubert. Am liebsten würde ich heute noch daran glauben - und dieses Gedicht bringt die alte Faszination ein Stück weit zurück. Danke, Anna Ritter.

Von Janina Mogendorf

Das Geschenk der Weisen

Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Das war alles. Und sechzig Cent davon ja Pennies. Stück für Stück ersparte Pennies, wenn man hin und wieder den Kaufmann, Gemüsemann oder Fleischer beschwatzt hatte, bis einem die Wangen brannten im stillen Vorwurf der Knauserei, die solch ein Herumfeilschen mit sich brachte. Dreimal zählte Della nach. Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Und morgen war Weihnachten. Da blieb einem nichts anderes, als sich auf die schäbige kleine Chaise zu werfen und zu heulen. Das tat Della. Was zu der moralischen Betrachtung reizt, das Leben bestehe aus Schluchzen, Schniefen und Lächeln, vor allem aus Schniefen...
O. Henry

Ich kann mich noch erinnern, wie ich mir als Kind die Kopfhörer aufsetzte, mich zwischen Weihnachtsbaum und Stereo-Anlage mit Doppel-Kassettendeck auf den wohlig beheizten Fußboden setzte und die Kassette mit den Weihnachtsgeschichten anhörte, gelesen von der rauen, gutmütigen Stimme Heinz Rühmanns. Eine blieb besonders hängen, mehr als jede andere Geschichte oder jedes andere Gedicht - handelte sie doch von einem Liebespaar mit sonderbar fremd klingenden Namen. Wie konnte ein Mann "Jim" und eine Frau "Della" heißen? Und wie konnte sich Della ihre wunderbaren langen Haare abschneiden lassen und sie VERKAUFEN, nur um an Geld für ein Weihnachtsgeschenk für ihren Liebsten zu kommen?  Noch heute mag ich "Das Geschenk der Weisen" von O. Henry, weil noch immer die gleichen Bilder vor meinem geistigen Auge entstehen: Ganz genau weiß ich, wie die schäbige Wohnung des glücklichen, aber bitterarmen Ehepaars aussieht. Und ganz genau kann ich mir den Gesichtsausdruck Jims vorstellen, als er das schöne Geschenk Dellas sieht, das nur leider seinen Sinn ganz und gar verloren hat. Die Moral von der Geschichte jedenfalls ist eindeutig: Weihnachten ist eben das Fest der Liebe.

Von Gabriele Höfling

Hallo lieber Nikolaus

Es begab sich drei Wochen vor dem traditionellen Nikolausbesuch im Kindergarten, dass die Erzieherin auf meinen Sohn zukam und ihn vorsichtig fragte, ob er denn ein Gedicht vortragen würde. Sie staunte etwas über das sehr schnelle "Ja", das sie von meinem Sohn als Antwort erhielt. "Gut, dann will ich dir ein schönes Gedicht raussuchen", fuhr sie planmäßig fort, hatte aber in keinster Weise mit der Antwort gerechnet: "Nein, das brauchst du nicht. Das kann ich. Ich reime selbst." Amüsiert willigte die Erzieherin ein, da man dem kleinen Mann die Ernsthaftigkeit durchaus abnahm. Nun ist es ja in heutigen Zeiten so, dass moderne Eltern stets bemüht sind, sich unnötigerweise die Köpfe zu zermartern. So begingen wir den gravierenden Fehler, uns in den kreativen Prozess unseres Sohnes einzumischen und fragten immer wieder nach, ob er den schon einen Anfang wüsste. Mit stoischer Ruhe trug unser Sohn die Eröffnungszeile vor: "Hallo Lieber Nikolaus". Begeistert sprudelten sofort zahlreiche Wörter aus uns heraus, die sich alle irgendwie auf "Nikolaus" reimen könnten, gedacht als freundliche Anregung für den jungen Künstler. Doch dieser winkte - langsam genervt - ab, da er ja schon längst den Folgereim für sich formuliert hatte: "...komm doch in unser Haus". Verzückt über die bestechende Logik und das Anklingen traditioneller Bilder in den uns somit vorliegenden Zeilen, gab es für meine Frau und mich kein Halten mehr. Uns gegenseitig überbieten wollend, knallten wir unserem Sohn zahlreiche neue Reime vor den Latz. Doch der Dichter hatte schon längst andere Pläne. Unbeirrt zog er weiter seine Hose an (die beschriebene Szene ereignete sich im häuslichen Badezimmer) und verkündete verschmitzt lächelnd seine eigentliche Schlusszeile: "Und zieh deine Hose aus." Sie können sich vorstellen, welche Sorgen uns überengagierte Eltern nun plagten, sahen wir doch einen Eklat im Kindergarten voraus. Am Ende blieb uns aber nichts anderen übrig, als die Eigenständigkeit des unabhängigen Künstlers anzuerkennen und darauf zu vertrauen, dass was auch immer unser Sohn dem Nikolaus vortragen würde, schon gut sein würde. Am 6. Dezember war es soweit: Die Uraufführung des Werkes eines fünfjährigen Dichters. Folgende Zeilen trug unser Sohn, feierlich und gut hörbar, dem Heiligen mit der Mitra vor:
Hallo Lieber Nikolaus
komm doch in unser Haus
und lege etwas auf meinen Teller drauf.
D. Elson

Von Gregory Elson