Schachfigur
Jeremias Schröder OSB über geschichtliche Säuberungen

Alles berichtigt?

Jeremias Schröder OSB über geschichtliche Säuberungen

Von Jeremias Schröder OSB |  Bonn - 22.12.2015

In China gibt es eine uralte Tradition, nach der die Geschichte regelmäßig neu geschrieben wird – oder vielmehr: umgeschrieben wird. Missliebige Kaiser verschwinden oder werden zu Bösewichtern umgestaltet, obskure Vorfahren erscheinen plötzlich als große Helden. So lässt sich zeigen, dass alles immer schon zielsicher auf die strahlende Gegenwart zustrebte. Die ist fehlerfrei, allerdings auch nur vorübergehend.

Dieses Muster konnte sich im Westen nicht ganz durchsetzen, aber wir arbeiten daran. Zuletzt hat die Uni Salzburg Konrad Lorenz die Ehrendoktorwürde aberkannt. Ich bin etwas parteiisch, weil ich mich am Starnbergersee manchmal am dort herumfliegenden Gänseschwarm erfreue, den Nachfahren der Lorenz'schen Forschungsobjkete. Lorenz war nicht astrein, was die Nazizeit angeht. Wie mancher andere auch. Selbst in meiner Familie gibt es da etwas schattige Stellen, allerdings keine Ehrendoktorwürden.

Ich glaube nicht, dass man Geschichte nachträglich auf diese Weise verbessern kann. Der Mensch irrt, das gehört zum Menschsein dazu. Geschichte wird nicht fehlerlos, und historische Basteleien – die Aufhebung des Galileo-Urteils kommt einem in den Sinn – sprechen der historischen Wertung eine immerwährende Wirkung zu, während es ja in Wirklichkeit überholt wird und allmählich verblasst. Große Peinlichkeiten sind sicher zu vermeiden, und die Streichung Hitlers aus den Ehrenbürgerlisten wird man nicht kritisieren können. Aber die retrospektive Gesinnungsprüfungen sind oft doch sehr fragwürdig und nicht frei von einer gewissen Selbstgerechtigkeit. Der frühere bayerische Landesbischof Hans Meiser (+1956), fiel 2007 so einer Säuberung durch den Münchner Stadtrat zum Opfer. Die ihm gewidmete Straße wurde in Katharina-von-Bora-Straße umbenannt. Die Gattin Martin Luthers hatte zwar ihre Ordensgelübde aufgegeben, aber das ist derzeit nicht anstößig.

Mein Standpunkt: historische Fehler stehen lassen, und sei es als Mahnung für die Nachfahren. Besser, wir schauen heute genauer hin.

Der Autor

Jeremias Schröder OSB ist Abtpräses der Benediktinerkongregation von St. Ottilien.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.

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