Schachfigur
Michaela Pilters zu einer Debatte der Grünen

Am besten ohne Moralin

Michaela Pilters zu einer Debatte der Grünen

Von Michaela Pilters |  Bonn - 13.10.2016

Die Äußerungen von Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in der "ZEIT" haben heftige Debatten ausgelöst. Zum einen geht es um den Stellenwert der Familie, zum anderen um die Frage von Politik und Moral. Claudia Roth zeigte sich irritiert, dass ausgerechnet Kretschmann die Grünen aufgefordert habe, das Moralisieren zu lassen. Für sie stehe gerade er dafür, dass Politik wertebasiert sei "Warum das Moralische nicht mehr integraler Bestandteil unserer Politik sein soll, leuchtet mir daher nicht so richtig ein. Politik ohne Moral führt doch zwangsläufig zu unmoralischer Politik".

Das Missverständnis liegt darin, dass hier Moralisieren und Moral verwechselt werden. Kretschmann hatte sich in seinem Beitrag sehr wohl für Moral ausgesprochen, allerdings hinzugefügt "Wir sind keine Heiligen und werden es auch dann nicht, wenn man uns dazu machen will. Wir sollten daher das Moralisieren lassen." Es geht um die Haltung, mit der eigene Positionen anderen gegenüber vertreten werden, im Prinzip um Toleranz. Wer sich bemüht, nach Regeln zu leben, die für die gesamte Gesellschaft zentral und förderlich sind, kann das durchaus offensiv tun und diese Werte verteidigen. Aber die Realität zeigt auch, dass es unterschiedliche Ansätze geben kann, und wer mit erhobenem Zeigefinger seine Politik als die bessere herausstellen möchte, wird dadurch nicht glaubwürdiger.

Das ist es, was Kretschmann erkannt hat. Sich im Besitz der Wahrheit zu wissen, kann zu Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit führen. Das hat Jesus schon bei den Pharisäern kritisiert. Er hat auch vorgelebt, wie mit Andersdenkenden umzugehen ist. Trotzdem hat er nie einen Zweifel daran gelassen, was er selbst als richtig angesehen hat. Gute Politik muss moralische Grundlagen haben. Sich darüber auszutauschen und den Konsens zu suchen, die bestmögliche Lösung für die gesamte Gesellschaft anzustreben, das ist das Ziel und geht am besten ohne Moralin.

Von Michaela Pilters

Die Autorin

Michaela Pilters ist Leiterin der ZDF-Redaktion "Kirche und Leben".

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