Schachfigur
Thomas Winkel über Populismus

Anbiedern oder hinhören?

Thomas Winkel über Populismus

Von Thomas Winkel |  Bonn - 05.05.2017

Ein beeindruckender Schulterschluss: Die "Allianz für Weltoffenheit" zeigte gestern auf einem Kongress in Köln, wofür ihre Organisationen eintreten. Wofür, nicht in erster Linie wogegen -  keine zwei Wochen nach dem von Feinbildern geprägten AfD-Parteitag in derselben Stadt.

Führende Köpfe von Gewerkschaften und Arbeitgebern, aus Umwelt und Sport machten deutlich, wo trotz aller Unterschiede gemeinsame Werte liegen. Auch Vertreter von Juden, Muslimen und nicht zuletzt der Kirchen machten sich stark "für gelebte Demokratie": für Weltoffenheit, Integration, Teilhabe und so weiter. Manches (Schlag-)Wort hätte gerne konkreter gefüllt werden dürfen; doch im Wahljahr haben die Veranstalter wichtige Akzente gesetzt. Ob sie auch Protestwähler erreichen, die sich von der Politik nicht ernst genommen fühlen? Und warum eigentlich dreht sich die öffentliche Diskussion ständig allein um Populismus von rechts? Jeder Populismus ist gefährlich.

Es gibt tatsächlich auch Linkspopulismus. Etwa wenn Wagenknecht und Co. pauschal verheißen "Armut abschaffen statt Arme bekämpfen". Sogar bei selbsternannten Volksparteien blühen populistische Knospen munter auf, zum Beispiel wenn der Bundesinnenminister (CDU) ausgerechnet vor Wahlen seine Leitkultur aus dem Hut zaubert. Wenn der bayerische Ministerpräsident (CSU) droht, der Brenner müsste "notfalls dicht gemacht werden". Oder wenn der SPD-Kanzlerkandidat den "hart arbeitenden Menschen" vollmundig besseren Lohn und generell mehr Gerechtigkeit verspricht.

Der Grat zwischen anbiederndem Populismus und notwendigem Hinhören ist schmal. Populisten schielen auf das, was sie für populär halten; sie kreisen um sich selbst, beleidigen, schüren Ängste und liefern einfache Antworten zu schwierigen Themen. Wer dagegen zuhört und "dem Volk aufs Maul schaut", nimmt Menschen mit ihren Sorgen ernst – und kann trotzdem einen festen, zugleich differenzierten Standpunkt vertreten. Das, liebe Politiker in den demokratischen Parteien, ist doch zu schaffen. Und dürfte nicht mal Stimmen kosten, im Gegenteil …

Von Thomas Winkel

Der Autor

Thomas Winkel ist Chef vom Dienst der Katholischen Nachrichten-Agentur in Bonn.

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