Schachfigur
Björn Odendahl über die Kirche und "homosexuelle Tendenzen"

Auch Homosexuelle sind zum Priesteramt berufen

Björn Odendahl über die Kirche und "homosexuelle Tendenzen"

Von Björn Odendahl |  Bonn - 30.05.2018

Franziskus ist ein gerechter und ein einfühlsamer Papst. Jüngst sorgte ein Zitat aus seinem Gespräch mit einem homosexuellen Missbrauchsopfer für Schlagzeilen. Beobachter deuteten es als Wende in der kirchlichen Beurteilung von Homosexualität: "Gott hat dich so geschaffen. Gott liebt dich so." Dass der Papst den Menschen als Ganzes in den Fokus rückt, ist ein Fortschritt.

Ungeachtet dessen ist und bleibt das Thema Homosexualität eine enorme Herausforderung für die Kirche. Es herrscht – weil es über Jahrhunderte ein Tabu war – Unsicherheit. Das hat auch die Rede des Papstes vor der Italienischen Bischofskonferenz gezeigt. Der sonst von seiner Spontaneität lebende Franziskus hielt sich strikt an den Wortlaut der Leitlinien zur Priesterausbildung. Die hatten Experten bereits kurz nach ihrem Erscheinen so scharf kritisiert, dass sich der Vatikan zu einer Erläuterung gezwungen sah. Priester könne nicht werden, wer "tiefsitzende homosexuelle Tendenzen" habe und homosexuelle Handlungen praktiziere, zitiert der Papst die Richtlinien. Er sprach außerdem von der Gefahr homosexueller Netzwerke.

Aber Mediziner und Psychologen sind sich einig: Es gibt keine tiefsitzenden homosexuellen Tendenzen wie es auch keine tiefsitzende heterosexuellen Tendenzen gibt. Homosexualität ist keine Krankheit und kein vorübergehender Zustand. Wenn die Leitlinien dann auch noch behaupten, dass  Homosexualität verhindere, "korrekte Beziehungen zu Männern und Frauen aufzubauen", dann beraubt sich die hinter der Lehre stehende Theologie ihrer Legitimität, weil sie sich dem aktuellen wissenschaftlichen Diskurs verweigert.

Und homosexuelle Netzwerke? Sie mag es – in welcher Form auch immer – geben. Sie sind allerdings kein Frage des Verbots oder der Erlaubnis der Weihe Homosexueller, sondern das Produkt der von der Kirche auferlegten Selbstverleugnung für Priester. Die führt übrigens nicht nur zur Abgrenzung und der Suche nach "Gleichgesinnten", sondern ist auch für den Umgang mit der eigenen Sexualität, die zur Entwicklung der Persönlichkeit dazu gehört, eine Katastrophe.

Die sexuelle Ausrichtung bestimmt nicht den Charakter, das Einfühlungsvermögen und das Potenzial, ein guter Seelsorger zu sein. Dort, wo sexuelle Triebe alle andere Lebensinhalte überlagern, da ist ein Mensch wirklich nicht zum Priesteramt berufen. Denn dann ist er krank. Das gilt jedoch für hetero- wie homosexuelle Männer. Ansonsten gibt es ja auch noch den Zölibat. Und Gottes Ruf. Und der kann auch Homosexuelle erreichen.

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Redakteur bei katholisch.de.

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