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Standpunkt

Auch Schweigen muss ethisch verantwortet werden

Schweigen ermöglicht einerseits Vertrauen, andererseits hilft es bei Machtmissbrauch. Doch darf man auch ethisch verantwortet schweigen? Über diese Frage sollten die Bischöfe beim Missbrauchsgipfel im Vatikan diskutieren, meint Michael Böhnke.

Von Michael Böhnke |  Bonn - 15.02.2019

Es gibt eine Kultur des Schweigens, aber es gibt auch eine Unkultur. Schweigen muss ethisch besonders dann verantwortet werden, wenn es in asymmetrischen Beziehungen eine Rolle spielt. Einerseits kann ohne Schweigen kein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden. Ohne ärztliche Schweigepflicht könnten sich Patienten einem Arzt gegenüber nicht mit all ihren Nöten offenbaren; ohne ein Beichtgeheimnis könnten sie es mit all ihren Verfehlungen den Priestern gegenüber nicht; ohne den Schutz des Schweigens würde sich niemand einem Rechtsanwalt anvertrauen. Schweigen ermöglicht Vertrauen. Schweigen kann andererseits als Herrschaftsinstrument missbraucht werden: wenn Menschen, denen Unrecht widerfahren ist, zum Schweigen über das Geschehene verpflichtet werden; wenn Schweigen im Interesse der Vermeidung von Transparenz steht; wenn Verbrechen totgeschwiegen werden und damit ihre Aufarbeitung verhindert wird. Schweigen hilft bei Machtmissbrauch.

Zurzeit läuft in Oldenburg der Strafprozess gegen den Krankenpfleger Nils Högel, der angeklagt ist, mehr als 100 Patienten getötet zu haben. Die Zeugen und Zeuginnen in diesem Prozess haben von der Leitung des städtischen Klinikums Oldenburg eine kostenlose anwaltliche Hilfe zugesagt bekommen. Viele können sich vor Gericht seither kaum noch erinnern; vermutlich, weil die Anwälte ihnen geraten haben, zu schweigen. Der Ruf des Klinikums soll nicht zu stark durch das Verfahren in Mitleidenschaft gezogen werden. Rechtlich ist das möglich, ethisch ist das fragwürdig.

Wenn in wenigen Tagen Bischöfe aus aller Welt in Rom zusammenkommen, um über den Umgang mit sexualisierter Gewalt zu diskutieren, sollten sie auch darüber sprechen, ob und wann ethisch verantwortet geschwiegen werden darf. Es sollten Regeln geschaffen werden, die Vertuschung verhindern und Bischöfe zur Transparenz verpflichten.     

Von Michael Böhnke

Der Autor

Michael Böhnke ist Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.

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