Schachfigur
Standpunkt

Das Bitten um Verzeihung klingt hohl

Für eine erfolgreiche Aufarbeitung des Missbrauchs brauche es statt weiterer abstrakter Einsichten jetzt persönliche Schuldbekenntnisse - auch auf Bischofsebene, fordert Joachim Frank. Das zeige der Fall des Freiburger Alterzbischofs Zollitsch.

Von Joachim Frank |  Bonn - 14.11.2018

Ich bekenne Gott, dem Allmächtigen, und allen Brüdern und Schwestern, dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe…

Öffentlich Schuld einzugestehen, ist für Kirchgänger eine gewohnte Übung. Erst recht gilt das für die Priester und Bischöfe: Sie stehen täglich der Eucharistiefeier vor. Aber eine rituelle Formel wie das "Confiteor" hat eben doch noch eine andere Qualität als das Bekenntnis im Leben.

Wie schwer der Kirche heute der Umgang mit Schuld fällt, zeigen aktuell die Vorgänge im Erzbistum Freiburg. Es geht um die Rolle des früheren Erzbischofs Robert Zollitsch bei der Vertuschung eines besonders schweren Falls systematischen sexuellen Missbrauchs in dem Schwarzwald-Dorf Oberharmersbach. Der amtierende Erzbischof, Stefan Burger, hat seinem Vorgänger jetzt öffentlich Versagen vorgeworfen und ihn kaum verklausuliert zu, ja, einem öffentlichen Schuldbekenntnis aufgefordert.

Der besagte Fall ist lange bekannt. Gebeutelt von der Skandalwelle des Jahres 2010, hatte Zollitsch eingeräumt, sich falsch verhalten zu haben. Allerdings wirkte das schon damals seltsam distanziert und unbeteiligt. Es schien, als hätte Zollitsch andere Sorgen. Immerhin war er es, der die auseinander driftenden Flügel der Bischofskonferenz beieinander halten musste. Er war es, der gegen massive Widerstände von Realitätsverweigerern in der Bischofskonferenz, einen Dialogprozess zur Aufarbeitung des Missbrauchs und seiner Folgen initiierte – erklärtermaßen unter dem Eindruck der ganzen Dramatik des Skandals.

Gesetzt den Fall, dass es Zollitsch ernst damit war und er weder bloßen Aktionismus noch ein Ablenkungsmanöver im Sinn hatte, wird dann an ihm exemplarisch eine Kluft erkennbar zwischen abstrakter Erkenntnis und persönlicher Einsicht in das, was inzwischen Systemversagen heißen darf.

Es hat wenig Sinn und macht es vielleicht sogar noch schlimmer, wenn unter den Bischöfen jetzt reihum das große Fingerzeigen einsetzt. Bibelfeste Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche mögen sich an das Jesus-Wort erinnern, "wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein".

Notwendig wären Eingeständnis und Anerkenntnis der eigenen Verfehlungen durch die Verantwortlichen selbst. Dass es sie gibt, weiß jeder. "Die Institution" gibt es nicht. Aber noch verstecken sich Personen in und hinter ihr. Das lässt an der Reue zweifeln, die Vergebung erst möglich macht. So aber klingt alles Bitten um Verzeihen hohl und setzt die Selbstblockade der Kirche fort. Wie halten es die Verantwortlichen mit der Bitte um den Geist, der unserer menschlichen Schwachheit aufhilft, und wie steht es mit ihrem Glauben an die Kraft der Wahrheit, die "euch frei machen wird"?

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist Chefkorrespondent des "Kölner Stadt-Anzeiger", der "Berliner Zeitung" und der "Mitteldeutschen Zeitung". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP).

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