Schachfigur
Andreas Püttmann zur Wut über Franziskus' Pontifikat

Das Märchen von der "Papsttreue"

Andreas Püttmann zur Wut über Franziskus' Pontifikat

Von Andreas Püttmann |  Bonn - 05.07.2017

Neulich nannte eine Zeitung mich "papsttreuer Publizist". Klingt irgendwie aus der Zeit gefallen, dachte ich. Denn so nannten sich Konservative, als liberale Katholiken ihre Papstverdrossenheit unter Johannes Paul II. zur Schau stellten. Erst gegen Ende seines Pontifikats und erst recht, als "wir" Papst geworden waren, konnte Bischof Gerhard Ludwig Müller feststellen: "Der anti-römische Affekt stottert". In der "protestantischsten Provinz der Weltkirche" (Johannes Gross) durfte man einfach mal katholisch sein, ohne sich näher päpstlich zu definieren. Bis die "sprungbereite Feindseligkeit" gegen Joseph Ratzinger 2009 wieder durchbrach und "Papsttreue" anstrengender wurde denn je.

Dann die Loggia-Momente im März 2013, als die betont "Papsttreuen" plötzlich selbst zu stottern begannen. Als wolle der Heilige Geist sie dem Lackmustest unterziehen. Und siehe da: Nicht bestanden! Die Beißhemmungen schwanden mit jedem für Konservative kognitiv dissonanten Franziskus-Wort mehr. Seit der verweigerten Laufzeitverlängerung für Glaubenspräfekt Müller regiert auf ehedem "papsttreuen" Internetseiten, die Leserkommentare sonst zu zensieren wissen, die blanke Wut: "Der letzte Fels in der Brandung der Beliebigkeit musste also gehen"; "Es ist eine Auszeichnung, von diesem Papst entlassen zu werden"; "Nicht mal Pius XII. zeigte ein vergleichbares autokratisches Gebaren. Gleichzeitig entlarvt Papst Franziskus selbst seine 'Barmherzigkeitsoffensive' als hohle Phrase". Der Jesuitenorden wird in Sippenhaft genommen: "Man kann nur hoffen, dass die Kardinäle im nächsten Konklave, das besser heute als morgen beginnen sollte, die Lehre ziehen und der Kirche in Zukunft einen weiteren Papst aus diesem Orden ersparen"; "Der Vatikan als Jesuitenstaat"; "Jesuiten sind oft so, denen wird das so beigebracht". Dass ein Pontifex "sich der Tradition der Kirche unterzuordnen" habe, scheine "dem amtierenden Papst nicht mehr klar zu sein. Sein 'Gott der Überraschung' kreiert momentan eine neue Lehre"; "Wer stoppt Papst Franziskus?".

So abstoßend der Geifer ist – für die aktuelle Scheidung der Geister darf man dankbar sein. Franziskus hat das "narzisstische und autoritäre Elitebewusstsein" dieser Kirchenszene in Evangelii Gaudium (93-97) als "spirituelle Weltlichkeit" bloßgestellt: "Da ist kein Eifer mehr für das Evangelium, sondern der unechte Genuss einer egozentrischen Selbstgefälligkeit". "Papsttreue" entpuppt sich als Ich-Treue. Eine bestimmte Art Kirche erfüllt da, psychologisch gesehen, eher die Funktion eines Fußballclubs, dessen Fans pöbelnd auf Gegner losgehen. Das Katholische ist bloß Identitätsmarker und führt logischerweise politisch in die Arme der Rechtspopulisten, die einen Kult um "das Eigene" treiben. Ein Spiritus rector der Szene wurde jüngst vor einem AfD-Kongress als "national-katholisch" vorgestellt. Noch Fragen? Bleiben wir römisch-katholisch – und einer stets der Reform bedürftigen Kirche und ihren Päpsten loyal!

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.