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Standpunkt

Der Selbstbetrug des "Woanders gibt es doch auch Missbrauch"

Im Missbrauchsskandal der Kirche fühlen sich einige Gläubige versucht, die Situation schönzureden. Missbrauch komme auch in anderen Einrichtungen vor, heißt es dann oft. Warum das gefährlich ist, erklärt Christoph Strack.

Von Christoph Strack |  Bonn - 22.02.2019

christoph Strack von der deutschen Welle

Manchmal hat es etwas Reflexhaftes: Wenn das Gespräch auf den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche kommt, wirft jemand ein, dass es doch auch - Zölibatsverpflichtung hin oder her - in der evangelischen Kirche sexuelle Gewalt gebe, erst recht in Sportvereinen und am schlimmsten und verbreitetsten sei der Missbrauch in der Familie. Der Sinn dieser Anmerkungen will sich mir nie so richtig erschließen. Wollen sie sagen, dass die Situation in der Kirche dann doch nicht so schlimm ist? Wollen sie die Kirche auf diese Weise als Opfer der modernen gottvergessenen Gesellschaft und besonders der Medien darstellen, wie es jüngst etwa Kardinal Paul Josef Cordes in einem Vortrag vor Priestern und Seminaristen in Köln getan hat?

Sehr wohl verstehe ich den Hinweis, wenn er von Opfern anderer Institutionen, wie aus der evangelischen Brüdergemeine Korntal in Württemberg, kommt - und habe dann auch Respekt. Ich gehe stark davon aus, dass in unterschiedlichen religiösen Systemen, auch im Judentum, Islam oder Buddhismus, Strukturen bestehen, die Missbrauch begünstigen. Außerdem gab es nach Bekanntwerden des Skandals um sexuelle Gewalt am Berliner Canisius-Kolleg manchen Hinweis darauf, wie zögerlich Sportverbände am Runden Tisch der Bundesregierung an die Aufarbeitung herangehen wollten. Indes von Kardinal Joachim Meisner stammt wohl sinngemäß der Satz: "Wenn ich mit einem Finger auf andere zeige, zeigen vier auf mich selbst."

Aber das alles ist nicht der Punkt. Jede sexuelle Gewalt verletzt eine Person. Die katholische Kirche hat stets den Anspruch, Menschen zeit ihres Lebens zu begleiten. Sie bekam und bekommt junge Menschen anvertraut. "Was ihr dem Geringsten getan habt...", heißt jedoch schon die Warnung in der Bibel. Kirche, die sich so gerne als Verheißung des Heils versteht, wurde da oft zur Anstalt des Unheils. Und sie scheint es umso mehr geworden zu sein, je überhöhter das Kirchen- und Priesterbild ausgestaltet wurde - mit Kitsch, mit einer geradezu sexuell aufgeladenen Asexualität und vor allem mit Macht und Personenkult.

Deshalb geht es nun eben nicht nur um mehr Prävention oder rasche Abschiebung von Priestertätern aus dem Klerikerstand (ja, ich weiß, auch Diakone, Ordensmänner und auch Ordensfrauen zählen zu den Schuldigen). An erster Stelle geht es darum, die Opfer ernst zu nehmen, sie zu Wort kommen zu lassen, sie nicht erneut auszugrenzen. Ihr Leben sei zerstört, hieß es im Zeugnis einer Betroffenen am Donnerstag vor den Bischöfen im Vatikan. Darüber hinaus wird sich Kirche, wenn sie Kirche bleiben oder wieder werden will, ändern müssen. Und das weltweit. Man spürt in diesen Tagen, welcher Bischof das realisiert hat und welcher nicht. Das Treffen im Vatikan bietet die vielleicht letzte Chance, dafür den Impuls zu setzen. Nicht unbedingt für die nächsten wissenschaftlichen Studien, sondern für Demut und Weggemeinschaft.

Eins sei gesagt: Der Einwand, es gebe Missbrauch auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, kommt eigentlich nicht von jenen Bischöfen, die mit dem Thema ernsthaft zu tun haben - er kommt gerne auch von Laien. Pater Hans Zollner käme vermutlich nie auf die Idee so etwas zu sagen. Er spricht mit Blick auf das, was die Tage in Rom wohl auslösen sollten, von einer "Lawine, die man nicht mehr stoppen kann". Das Treffen in Rom ist deshalb eher Anfang als Ende - doch ich wage noch nicht daran zu denken, dass die Kirche und ihre Aufarbeitung irgendwann einmal Vorbild für andere sein könnte.

Von Christoph Strack

Der Autor

Christoph Strack ist Leiter des Bereichs Religionen der Deutschen Welle.

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