Schachfigur
Standpunkt

Die Kirche braucht radikalen Mut zur vollen Wahrheit

Die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals kann nicht halbherzig gelingen; nur betroffen zu sein reicht nicht. Damit die Bistümer aber wirklich handeln, braucht es laut Andrea Hoffmeier auch den Druck der Gläubigen.

Von Andrea Hoffmeier |  Bonn - 15.10.2018

Andrea Hoffmeier ist Bundesgeschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Deutschland.

Der Papst verglich vergangene Woche bei seiner Generalaudienz eine Abtreibung mit einem Auftragsmord. Einige Kommentatoren stellten diesen unnötig harten Vergleich in den Kontext des massenhaften Missbrauchs von Kindern und dessen Vertuschung in der katholischen Kirche. Zu Recht: Die katholische Amtskirche als moralische Instanz hat sich selbst demontiert. Es gilt jetzt erst einmal vor der eigenen Haustür zu kehren, um wieder Vertrauen zu gewinnen.

Dies kann aber nicht halbherzig gelingen, sondern nur mit radikalem Mut zur vollen Wahrheit. Eine der ersten Aussagen in der im September veröffentlichten MHG-Studie lautet, man habe keinen Zugriff auf Originalakten, Originaldaten oder Originalaussagen von Beteiligten gehabt, sondern nur auf sekundäre Quellen. Das atmet den ängstlichen Geist, Kontrolle und Deutungshoheit nicht verlieren zu wollen. Das Gegenteil wurde erreicht, es gibt nun Anlass, hohe Dunkelziffern zu vermuten. Vertrauensbildung sieht anders aus. Gerade die letzten Jahre müssten doch kirchliche und politische Verantwortungsträger ausreichend gelehrt haben, dass ein bisschen Wahrheit nicht funktioniert.

Die Bischöfe haben ihre ersten Handlungsschritte angekündigt, hoffentlich werden sie zeitnah umgesetzt. Nur betroffen zu sein und "gut zuzuhören" reicht nicht. Alle Bistümer müssen nun zusammen konsequent handeln und Veränderungen umsetzen. Gleichzeitig darf aber einer uneingeschränkten Aufarbeitung mit Hilfe externer Experten nicht ausgewichen werden. Nur so werden die Opfer ernst genommen, kann Vertrauen gewonnen sowie können weitere Schlüsse für systemische Veränderungen gezogen werden.

Dies setzt natürlich auch Konsequenzen für die Täter und für die Vertuschungsverantwortlichen voraus. Der Leiter des Katholischen Büros in Berlin, Karl Jüsten, lud auf dem Sankt-Michaels-Empfang am vergangenen Mittwoch alle ein, die Bischöfe in diesem Prozess kritisch zu begleiten. Wir sollten dies tun und den Druck aufrechterhalten. Wahrheit und Transparenz brauchen Mut, aber es gibt für Christinnen und Christen keine Alternative.

Von Andrea Hoffmeier

Die Autorin

Andrea Hoffmeier ist Bundesgeschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Deutschland.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.