Schachfigur
Standpunkt

Die Kirche verreckt nicht mehr an ihrer Sprache

Machtmissbrauch steckt in der DNA der Kirche? Und Carola Rackete steht in der Nachfolge Christi? Diese Aussagen deutscher Bischöfe provozieren und sind angreifbar. Aber unsere Kirche braucht sie, kommentiert Björn Odendahl. Denn nur so wird sie gehört.

Von Björn Odendahl |  Bonn - 11.07.2019

"Die Kirche verreckt an ihrer Sprache" lautete die vernichtende Kritik von Politikberater und Autor Erik Flügge. Von "verschrobene, gefühlsduselnden Wortbildern" der Theologen war da die Rede; Stichwort "Sauerteig". Und Flügge hatte Recht: Kirchenmitarbeiter – vom Pastoralreferenten bis zum Bischof – wollten lange nicht anecken und niemandem wehtun. Sie haben die Gläubigen deshalb aber auch nur noch selten wachgerüttelt. Vom Rest der Gesellschaft ganz zu schweigen.

Flügges Diagnose ist jetzt drei Jahre her. Und tatsächlich: Es tut sich etwas. Selbst wenn es oftmals noch "en vogue" ist, mit gesalbten Worten möglichst pastoral-unverbindlich zu bleiben, beginnen einige Glieder dieser Kirche dennoch, sich des Sprachgebrauchs und der Kommunikationsstrategien des 21. Jahrhunderts zu bedienen. Denn die Erkenntnis ist gereift, dass kilometerlange Predigten und Arbeitshilfen heute alleine nicht mehr funktionieren. Es braucht auch schlagzeilentaugliche Statements, um in einer lauter werdenden Debatte Gehör zu finden.

Das haben jüngst auch verschiedene deutsche Bischöfe beherzigt: In Hildesheim diagnostiziert Heiner Wilmer, dass der Machtmissbrauch in der DNA der Kirche steckt, und in Essen sagt Bischof Franz-Josef Overbeck unmissverständlich: "Die alte Zeit ist zu Ende!" Flüchtlingsbischof Stefan Heße sieht Seenotretterin Carola Rackete in der Nachfolge Christi. Und Würzburgs Oberhirte Franz Jung vergleicht die junge Umweltaktivistin Greta Thunberg mit David im Kampf gegen Goliath.

Das alles sind Aussagen, die man außerhalb des selbstreferenziellen, theologischen Elfenbeinturms versteht – und die in Medien und Gesellschaft Gehör finden. Es sind Aussagen, die auch Angriffsfläche bieten, weil sie gerade nicht, wie häufig in der Vergangenheit, von Referenten und Pressesprechern bis zur Bedeutungslosigkeit glattgeschliffen wurden. Es sind Aussagen, die provozieren, so dass sich die AfD genauso echauffiert, wie die, die meinen, Missbrauch in der Kirche ließe sich mit einem Präventionskurs am Wochenende und Akteneinsicht für die Staatsanwaltschaft besiegen. Es sind aber vor allem Aussagen, die Mut verlangen. Denn einmal ausgesprochen, gibt es keinen Schritt mehr dahinter zurück.

Die Schlagzeile ist kein Ersatz für eine differenzierte und ausführliche Auseinandersetzung mit Themen. Aber sie sie ist ein erstes wichtiges Zeichen. Sie zeigt: "Wir als Kirche sind hier. Und wir haben etwas zu sagen."

Von Björn Odendahl

Der Autor

Björn Odendahl ist Chef vom Dienst bei katholisch.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.