Schachfigur
Gudrun Lux über eine Willkommenskultur für Kinder

Die Sonntagspredigt reicht nicht

Gudrun Lux über eine Willkommenskultur für Kinder

Von Gudrun Lux |  Bonn - 14.11.2016

Letztens meckerte mich ein älterer Mann an, weil die beiden Kinder, mit denen ich unterwegs war, in der S-Bahn fröhlich "Bruder Jakob" und "Laterne, Laterne" trällerten: "Wir sind hier nicht im Kindergarten!" Sicherlich wäre ihm die konkrete Alternative, dass die gelangweilten Kinder quengeln, auch nicht lieber gewesen. Die beiden, zwei und drei Jahre alt, mit dem Smartphone "ruhigzustellen" finde ich wiederum eine mäßig gute Idee. Sollte ich also mit ihnen zu Hause bleiben, damit sie niemanden stören?

Natürlich nicht. Denn sowohl Eltern als auch Kinder haben das Recht, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Das gilt für die S-Bahn und den öffentlichen Raum, es gilt für Geschäfte, Tagungen, Büros und Kirchen. Wer Kinder hat und sich raus wagt in die Welt, weiß: Eltern brauchen Unterstützung statt Gemecker, Besserwisserei oder Augenrollen. Denn nur dann können sie tatsächlich am Leben außerhalb von Heim und Herd teilnehmen. Das gilt insbesondere für Frauen, die in der Regel nach wie vor mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Es ist kein Zufall, dass Frauen sich vor der sozialen Isolation (und dem oft unabwendbaren Karriereknick) fürchten, die das Kinderkriegen mit sich bringt.

Es ist auch die Aufgabe von Christinnen und Christen und die Aufgabe der Kirchen, hier persönlich und strukturell zu arbeiten: Wir brauchen eine Willkommenskultur für Kinder und ihre Eltern. Dabei reichen Sonntagspredigen nicht, es geht um das ganz Konkrete. Auch die Kirche ist Arbeitgeberin und politische Akteurin. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer brauchen besondere Rücksicht und Freiräume, wenn sie kleine Kinder haben. Da geht eine Besprechung am späten Nachmittag eben nicht - oder nur, wenn auch das Krippenkind willkommen ist.

Und ja: In Kirchen kann gestillt, gewickelt und gespielt werden, bei Tagungen, Seminaren und Veranstaltungen müssen Eltern als solche mitgedacht werden. Es braucht Betreuungsangebote und Rückzugsräume, Unterstützung und Toleranz. Denn sonst bleibt Eltern oft nur die Wahl, ihre Kinder "unsichtbar" zu machen - falls sie eine Betreuung finden - oder selbst "unsichtbar" zu sein, nämlich abwesend.

Unlängst war ich in Düsseldorf. Ich wurde am Bahnhof abgeholt, in der Tram standen mein Gastgeber mit seinem Sohn und ich vor dem Stempelautomaten. Ich, entschuldigend, zum Herrn hinter mir: "Oh, wir stehen im Weg." Der Herr: "Niemand steht hier im Weg, schon gar nicht jemand mit einem Baby." Ich stempelte für den Herrn. Wir lächelten.

Von Gudrun Lux

Die Autorin

Gudrun Lux ist freie Journalistin, Autorin und Kommunikationsberaterin in München.

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