Schachfigur
Hans-Joachim Höhn über hochgradig ritualisierte Begegnungen

Die subtilen Botschaften von Neujahrsempfängen

Hans-Joachim Höhn über hochgradig ritualisierte Begegnungen

Von Hans-Joachim Höhn |  Bonn - 12.01.2018

Zu den Anfangsritualen eines neuen Jahres gehören Neujahrsempfänge. Jede Institution, die sich wichtig nimmt, lädt Menschen, die für wichtig gehalten werden (wollen), zu einem Treffen ein, bei dem neben kulinarischen Kleinigkeiten auch thematische Wichtigkeiten serviert werden. Auch viele Bistümer veranstalten solche Begegnungen. Sie verlaufen hochgradig ritualisiert: Oft wird ein prominenter Redner - aus Wissenschaft, Kultur oder Politik - engagiert, der in seinem Referat den Gastgebern und ihren Gästen attestiert, welche hohe Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft zukommt. Damit es auch zukünftig so bleibt, mahnt er ein verstärktes Engagement in sozialen Fragen an. Danach ergreift ein Repräsentant der Kirche das Wort und bedankt sich für das säkulare Attest ihrer sozialen Bedeutsamkeit. Anschließend bringt er mit subtilem Nachdruck den Hinweis an, dass sie vor allem die Gemeinschaft der Glaubenden ist, denen die Weitergabe des Glaubens aufgetragen ist. Nach dem Dank an den Referenten und vor der Freigabe der kulinarischen Kleinigkeiten erfolgt sein Appell zu mehr Engagement in der Kirche für die Kirche.

Der Aufruf zur innerkirchlichen Engagementsteigerung wird häufig mit der Metapher "Aufbruch" versehen. Damit ist in der Regel weniger eine pastorale Reformbewegung als eine Mobilmachung von Ehrenamtlichen gemeint. Sie werden mobilisiert, um Mangelerscheinungen kirchlicher Glaubenspraxis zu kompensieren. Ein pastoraler Aufbruch soll nicht zu umfassenden Innovationen führen, klerikale Verkrustungen und dogmatische Verhärtungen aufsprengen. Er soll dafür sorgen, dass der pastorale Betrieb weitergeht. Dass es dann vor Ort noch Vorbereitungskurse zur Erstkommunion und Firmung gibt und das gemeindliche Rosenkranzgebet im Mai und Oktober nicht abgeschafft wird, kann man nur begrüßen. Aber all dies zeigt nicht, dass sich die Kirche in Form bringt für eine Zukunft, die anders sein wird als die Gegenwart.

Wenn künftig ehrenamtlich geleistet wird, was bisher hauptamtlich erledigt wurde, kann eigentlich alles beim Alten bleiben. Der ständige Aufruf, die "Laien" sollten vermehrt Aufgaben übernehmen, die bisher von Priestern wahrgenommen wurden, nimmt Gemeindechristen zudem nur noch unter der Rücksicht wahr, inwieweit sie der Kirche zu Diensten sind. Das macht sie bedeutsam und wichtig für eine Institution, die sich wichtig nimmt. Aber gibt es nichts Wichtigeres für die Kirche als die Dienstbarkeit der Glaubenden?

Von Hans-Joachim Höhn

Der Autor

Dr. Hans-Joachim Höhn ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität Köln.

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