Schachfigur
Joachim Valentin über den Kurs der Türkisch-Islamischen Union

DITIB muss sich entscheiden

Joachim Valentin über den Kurs der Türkisch-Islamischen Union

Von Joachim Valentin |  Bonn - 20.06.2016

"Mit ihm ist erstmals ein Politiker türkischer Abstammung an der Spitze einer im Bundestag vertretenen Partei. Dies ist eine positive Entwicklung, denn nur durch gesellschaftliche und politische Partizipation und gleichberechtigte Teilhabe kann ein reales, substanzielles Zusammenwachsen realisiert werden." Mit diesen Worten gratulierte die Türkisch Islamische Union der staatlichen Anstalt für Religion e.V. kurz DITIB, am 16.11.2008 dem Bündnisgrünen Cem Özdemir zur Wahl in den Fraktionsvorsitz.

Goldene Zeiten waren das. Da war der heutige Staatspräsident Erdogan noch ein europafreundlicher Politiker, der seinem Land neben wirtschaftlichem Aufschwung und gesellschaftlichem Frieden wachsende Meinungs- und Religionsfreiheit schenkte. Heute steht er einer Demokratur vor, die Journalisten inhaftiert, Kurden pauschal als Terroristen bekämpft, und auch sonst die eigene Verfassung verhöhnt.

Und die DITIB?  Gerät in den letzten Wochen immer unausweichlicher zwischen die Fronten: Auf der einen Seite steht sie einer immer islamfeindlicher werdenden deutschen Gesellschaft gegenüber, die bereits die Praxis eines konservativen Islam oder kleinere Unstimmigkeiten im Verband als Putsch von rechts hochstilisiert, wie jüngst in Hessen geschehen. Auf der anderen Seite steht sie unter Druck seitens der nationalistischen türkischen Kreisen hier im Lande, die nicht nur Erdogan mit deutlicher Mehrheit ins Präsidentenamt halfen, sondern sich inzwischen auch von türkischstämmigen Parlamentariern im Deutschen Bundestag "nicht mehr vertreten fühlen", wie das DITIB-Bundesvorstandsmitglied Zekeriya Altug jüngst in den Tagesthemen verlauten ließ. Hatten diese doch die Chuzpe besessen, die Ermordung hunderttausender Armenier durch die "Jungtürken" als das zu benennen, was sie ist, nämlich einen Völkermord, ohne dabei deutsche Greueltaten zu verschweigen.

Die so nachträgliche wie kleinlaute Richtigstellung des DITIB-Generalsekretärs Bekir Alboga, der "jede öffentliche Schmähung, jeden Aufruf zu Hass und Gewalt" verurteilt sowie die kurz danach dennoch erfolgte Ausladung der Bundesintegrationsministerin Özuguz vom Fastenbrechen in der Hamburger DITIB Moschee legen nur einmal mehr offen, wie tief gespalten die Erdogan-nahe türkische Community zur Zeit ist.

Sie wird sich bald entscheiden müssen, und zwar möglichst dazu, der deutschen Gesellschaft ein klares Zeichen ihres Respekts vor dem Grundgesetz zu geben und dem Abdriften Erdogans und der Türkei ins Nirvana eines Despotentums nach Putins oder eines Polizeistaates nach Assads Vorbild eine ebenso klare Absage zu erteilen.

Weniger geht leider nicht. Die Geduld kirchlicher und staatlicher Gesprächspartner, die die DITIB jahrelang mit viel Aufwand in die Rolle eines geschätzten Kooperationspartners gebracht haben, ist zu Ende.

Der Autor

Joachim Valentin ist Direktor des katholischen Kultur- und Begegnungszentrums "Haus am Dom" in Frankfurt am Main und stellvertretender Vorsitzender des Frankfurter Rates der Religionen.

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Von Joachim Valentin