Schachfigur
Andreas Püttmann über Reaktionen auf den US-Missbrauchsskandal

Durchkreuzter Zweifel

Andreas Püttmann über Reaktionen auf den US-Missbrauchsskandal

Von Andreas Püttmann |  Bonn - 20.08.2018

Am Freitag twitterte ein evangelischer Pfarrer: "Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche in den USA, wohl berechtigte Vorwürfe gegen Bill Hybels und Willow Creek - es gab schon einfachere Zeiten für den #Glauben #unendlichtraurig #Zweifel." Der Hashtag trifft ins Mark, gerade weil er von einem Mann Gottes kommt. Es gibt nicht nur ein Zeugnis des Glaubens, sondern auch ein Antizeugnis, das ihn regelrecht austreiben kann. Heißt es doch: "Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen", ein fauler "wird abgehauen und ins Feuer geworfen" (Mt 7,18f).

Eine einfache Lösung hatte ein privat-katholisches Internetportal parat: Schuld seien Machenschaften der "Lavendel-Mafia", schwuler Seilschaften in der Kirche. Die müsse man zerschlagen. Alles andere kann dann, ja muss sogar so bleiben, wie es immer war. Das Problem ist von außen eingedrungen ins "Haus voll Glorie", dem die Empathie von Totalapologeten primär gilt. Manchem, der nach dem "Ausmisten!" ganzer Personengruppen ruft, kommt es nicht in den Sinn, Schmutz in der Kirche auch durch einen Blick in den Spiegel zu suchen.

Benedikt XVI. warnte 2011 in Freiburg davor, angesichts der "Skandale der Verkünder des Glaubens" bloß "eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen". Es gelte, "nach der totalen Redlichkeit zu suchen, die nichts von der Wahrheit unseres Heute ausklammert oder verdrängt" und den Glauben "ganz zu sich selbst bringt", "von ihm abstreift, was nur scheinbar Glaube, in Wahrheit aber Konvention und Gewohnheit ist". Wer das tut, der hat angesichts der Schmach und Scham der Kirche und der Qualen missbrauchter Jugendlicher freien Blick auf das Kreuz Jesu. Es gibt Halt gegen den von der "Kirche der Sünder" geweckten Zweifel – neben der Güte und menschlichen Größe, die man unter Getauften und Geweihten gottlob auch reichlich erfahren darf.

 Das Beste an der Kirche sind weder ihr Personal noch ihre schönen Fassaden, weder ihr "pomp and circumstance" mit viel Weihrauch noch ihr normatives Lehrgebäude, aus dem gerade wieder ein Stein, die Billigung der Todesstrafe, ausgebaut wurde. Bestand hat ihr ursprünglichstes Zeugnis: das Evangelium vom Leben, Lehren, Lieben und Leiden Jesu Christi, der gekreuzigt wurde, "hinabstieg in das Reich des Todes“ und auferstand. Nach dem bedrückenden Tweet des zweifelnden Pfarrers sah ich seine Twitteradresse: "@heeling_cross". Gebe jeder sein Bestes dafür, seelische und geistliche Not aus dem Missbrauch aufzufangen in Zeugnissen des Glaubens, der Redlichkeit und der Liebe.

Von Andreas Püttmann

Der Autor

Andreas Püttmann ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn.

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