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Standpunkt

Es braucht beides: den Aufschrei und die stille Solidarität

Der 9. November ist ein Schicksalstag der Deutschen – doch der Blick zurück genügt nicht, kommentiert Thomas Arnold: Was lernen aus der Geschichte? Wo braucht es die laute Stimme der Christen, wo die stille Solidarität?

Von Thomas Arnold |  Dresden - 09.11.2018

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Was für ein schicksalhafter Tag, dieser 9. November! Der Putsch in München (1923), die vielen brennenden Synagogen und jüdischen Geschäfte in deutschen Städten (1938) sowie der Fall der Berliner Mauer (1989) – kaum ein Tag in der Geschichte des Landes spiegelt so sehr Licht und Schatten, Sehnsüchte und Schuld unserer Nation. Dieser Tag führt dem ganzen Land alljährlich seine Verantwortung vor Augen.

Damit ist der 9. November nicht nur eine Chance für den Blick zurück, sondern vor allem eine Herausforderung für die Fragen der Zukunft. Dazu gehört auch, wie sich unsere Gesellschaft künftig zu den demütigenden Parolen, einer verrohenden Sprache und zu Angriffen auf die Menschenwürde verhält. Ein "Stachel im Fleisch" bleibt die Frage, wann Christen schweigen anstatt Partei zu ergreifen. Es ist ein Spagat, in welchen Situationen man sich eher im Hintergrund um Veränderungen bemühen sollte und wann es die direkte Stimme braucht. Vom Alltag der kleinen Leute bis hin zu Regierenden kennt dieses Mühen jeder.

Ein gutes Beispiel, wo internationale Solidarität – der laute Aufschrei und die leise Diplomatie zugleich – Hand in Hand gewirkt haben, ist die Freilassung von Asia Bibi. Dieser Fall zeigt, wie sehr die Freiheit der Religionsausübung – ein universales Menschenrecht – in anderen Teilen der Erde eingeschränkt ist und wie wichtig es ist, dass Betroffene von Repressionen und Übergriffen eine Stimme erhalten. Zugleich wird die globale Vernetzung – und Verantwortung – deutlich. Wie oft haben das Internationale Katholische Missionswerk missio und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken in den letzten Jahren wiederholt zur Solidarität mit der Frau aus Pakistan aufgerufen? Für manche wirkte es hilflos; an eine tatsächliche Wirksamkeit der Initiativen haben nur wenige geglaubt.

Asia Bibi macht heute deutlich: Es braucht christliche Verbände, um Entrechteten und Benachteiligten eine Lobby zu geben – so aussichtslos es im ersten Moment erscheinen mag. Dies endet nicht bei den eigenen Glaubensbrüdern und -schwestern. Auch Muslime und Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften haben ein Recht auf freie Ausübung ihres Glaubens. Der 9. November mahnt, dass es im 21. Jahrhundert jene braucht, die besonnen für die weltweite Sehnsucht nach Freiheit und die Würde aller Menschen einstehen.

Von Thomas Arnold

Der Autor

Thomas Arnold ist Leiter der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen.

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