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Frauen in der Kirche: Es hat sich ausgeschwiegen

Trotz des vermeintlichen Schweigegebots im Ersten Korintherbrief waren die Frauen in den paulinischen Gemeinden keineswegs leise. Gut, dass Initiativen wie "Maria 2.0" diese Wurzeln wieder in Erinnerung rufen, kommentiert Werner Kleine.

Von Werner Kleine |  Bonn - 15.05.2019

Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

Sie schweigen nicht nur nicht mehr, sie handeln auch: Die Frauen von Maria 2.0 – und auch einige Männer – versammeln sich vor den Türen der Kirchen zu Liturgien, in denen das Wort Gottes in der Mitte steht. Sie befreien sich von einem Jahrhunderte wirksamen Verdikt, das auf zweieinhalb fragwürdigen Versen im Ersten Korintherbrief beruht: "Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in den Versammlungen schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden: Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie etwas lernen wollen, dann sollen sie zu Hause ihre Männer fragen; denn es gehört sich nicht für eine Frau, in der Versammlung zu reden" (1 Kor 14,33b–35).

Es ist so eine Sache mit diesen beiden Versen. Ihr Ort im Text ist in der Überlieferung unsicher. Manche Handschriften ordnen sie erst ganz am Ende des Kapitels über die rechte Ordnung beim Gottesdienst ein. Nicht wenige Exegeten halten sie deshalb für eine spätere Einfügung, eine sogenannte Glosse.

Inhaltlich steht das vermeintliche Schweigegebot des Paulus jedenfalls in direktem Widerspruch zu seiner Feststellung, dass auch Frauen (wohl laut und öffentlich) beten und prophetisch reden (vgl. 1 Kor 11,5). Der Kontrast des Schweigegebotes zu dieser prophetischen Rede wird noch größer, wenn kurz vor diesem auf den festen Platz der Prophetie im Gottesdienst hingewiesen wird (vgl. 1 Kor 11,29–31). Und nivelliert Paulus in Galater 3,28 nicht ohnehin den Unterscheid zwischen männlich und weiblich? Schlussendlich erwähnt er in Priska eine offenkundig neben ihrem Mann Aquila als Leiterin einer Hausgemeinde fungierende Persönlichkeit (vgl. 1 Kor 16,19). In den paulinischen Gemeinden spielen Frauen ohne Zweifel eine deutlich sicht- und hörbare Rolle!

Gut, dass sich die Frauen heute wieder an diese Wurzeln erinnern und das Wort Gottes auch tun. Zeigte nicht auch die spätere Gottesgebärerin eine verhaltene Skepsis, als sie sich statt mit einem schweigenden "Ja!" mit einem "Mir geschehe, wie du es gesagt hast" (Lk 1,38) nach Art von Mägden eher trotzig denn ergeben in ihr Schicksal fügt? Leise war auch sie jedenfalls nicht. So oder so: Es hat sich damals schon ausgeschwiegen. Und das ist gut so!

Von Werner Kleine

Der Autor

Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

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