Schachfigur
Joachim Valentin über Oscar-Preisträger und verborgene Theologie

Ganz großes Kino

Joachim Valentin über Oscar-Preisträger und verborgene Theologie

Von Joachim Valentin |  Bonn - 07.03.2018

Joachim Valentin Standpunkt katholisch.de

Das biblische Buch Rut im Fokus der Aufmerksamkeit der ganzen Welt – ist Ihnen entgangen? Haben Sie nicht gesehen? Stimmt, denn welche Bedeutung dem Thema Religion im sechsfach Oskar-preisgekrönten Film "The Shape of Water" von Guillermo del Toro zukommt, war natürlich nicht Gegenstand der Berichterstattung. Und doch ist es ein Film über Tod und Auferstehung, gesättigt mit religiösen Motiven und das nicht nur, weil im Kino, an dem die Protagonistin täglich vorbeiläuft, der Hollywood-Film "Das Buch Ruth", von Henry Koster aus dem Jahr 1960 läuft, sondern weil im ganzen Film ein eigener Erzählkosmos entwickelt wird, der durch und durch biblisch konnotiert ist.

Das den Film beherrschenden "Monster" wirkt bis zuletzt als "Gott", der heilen, ja sogar vom Tod erwecken kann und schließlich sogar den Aufbruch der Hauptfigur, der armen Reinigungskraft Elisa, in eine neue Dimension ermöglicht. Durch Tod und Auferstehung geht sie schließlich in ein Jenseits, das im Medium des Wassers zugleich innerweltlich bleibt und doch eine Vorstellung davon schafft, was es heißen könnte, ganz frei, ganz schwerelos und ganz geliebt zu sein. Schon lange hat man im Kino kein schöneres Bild mehr für den Himmel gesehen, als die entspannt im Wasser treibenden Körper Elisas und ihres Heilers.

Doch der Film hat auch eine eminent sozialpolitische Dimension. Im Endeffekt zeigt er, wie eine Stumme und eine Afroamerikanerin unterstützt von einem alternden arbeitslosen Werbegrafiker mit ihrer Gefangenenbefreiung den mächtigsten Staat der Welt und damit die Logik des kalten Krieges überlisten. Zudem gelingt es dem großartig ausgestatteten Werk auch noch, die existentielle Befindlichkeit seiner Akteure, ihre Verlorenheit in der Welt, die Rettung der gefolterten Kreatur aus den Fängen des Bösen, alltäglichen Rassismus und Gewalt gegenüber Frauen in einer männerdominierten Gesellschaft so zu zeigen, dass der Zuschauer nicht nur das Verstehen sozialer Marginalisierung, sondern auch das Glauben an übernatürliche Wirklichkeiten auf zauberhafte Weise neu lernt.

Und das aus der, auch in kirchlichen Kreisen immer gerne als oberflächlich, gewalt- und sexbesessenen gebrandmarkten Welt Hollywoods. Es lohnt sich offenbar, genauer hinzuschauen, dann kann sichtbar werden, dass auch jenseits der Kirchengrenzen überzeugend und weltweit wirksam gepredigt wird. Für solche und andere Kinotipps das ganze Jahr über empfehle ich übrigens filmdienst.de, das katholische Filmportal.

Von Joachim Valentin

Der Autor

Joachim Valentin ist Direktor des katholischen Kultur- und Begegnungszentrums "Haus am Dom" in Frankfurt am Main und Vorsitzender des Frankfurter Rates der Religionen.

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