Schachfigur
Jeremias Schröder über die Allensbach-Umfrage

Gewissensspiegel für Kulturchristen

Jeremias Schröder über die Allensbach-Umfrage

Von Jeremias Schröder OSB |  Bonn - 22.12.2017

Mehr Deutsche als früher stellen zu Hause Weihnachtskrippen auf, lesen die Weihnachtsgeschichte und wollen, dass man merkt, dass Deutschland ein "christliches Land" ist. Das stand alles in der Allensbach-Umfrage, die von der FAZ vorgestern veröffentlich wurde.

Aber auch: Das häusliche Tischgebet ist weitgehend verschwunden, und die dogmatischen Grundinhalte des Christentums werden auch von kirchensteuerzahlenden Christen nur zaghaft bejaht. Das mag hier und da auch an den Fragen liegen – "Glaube an die Dreifaltigkeit" klingt doch sehr nach einer Checkliste, mit der man dem Kernmysterium des christlichen Glaubens vielleicht nicht ganz gerecht wird. Zumal man hierzulande nicht gern über den eigenen Glauben spricht. Aber die Tendenz können die meisten wohl aus dem privaten Umfeld bestätigen: Emotional ansprechende Rituale gehen immer noch, während die klassische Glaubenshaltung und nüchterne Alltagsfrömmigkeit eher schwinden.

Eher abwegig erscheint allerdings die Behauptung, Ökologie stehe mit dem Christentum im Wettbewerb. Das trifft allenfalls noch für die Rolle als selbstverständliche Grundlage eines ethischen Konsenses zu: Auf Ökologie kann man sich inzwischen parteien- und weltanschauungsübergreifend berufen. Dementsprechend sind ja auch die Grünen als Kirche der Ökologie in die Bredouille geraten. Ihre Werte haben sich, ähnlich wie die des Christentums, verselbständigt und sind Allgemeingut geworden – willkommen in der Wertesäkularisation!

Die Umfrage beschreibt ein Christentum, das sich zwar gesellschaftlich und kulturell bemerkbar machen soll, aber das vom Einzelnen nicht überzeugt mitgetragen werden muss. So ein Kulturchristentum ist kein Ziel kirchlicher Verkündigung, aber es bietet eine Riesenchance: In einem Land, das die meisten immer noch in diffuser Weise für christlich halten, darf man offen über den Glauben sprechen, und das wird grundsätzlich sogar gern gehört. Man wird damit beweglich umgehen müssen, und eine Kirche, die sich gerne selber als "verfasste Kirche" bezeichnet, erregt als Wahrheit beanspruchende Institution erst mal Misstrauen. Aber Zeugnis ist möglich und wird auch erwartet. Vielleicht sogar erhofft.

Von Jeremias Schröder OSB

Der Autor

Jeremias Schröder OSB ist Abtpräses der Benediktinerkongregation von St. Ottilien.

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