Schachfigur
Standpunkt

Haben Sie keine Angst, es wird sich nichts ändern

Verhandeln, Beraten, Stuhlkreise auf allen Ebenen: Während in der Praxis dennoch alles beim Alten bleibt, pilgert das Gottesvolk längst weiter. Werner Kleine fragt: Ist es für die verfasste Kirche schon zu spät?

Von Werner Kleine |  Bonn - 08.07.2019

Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein. Im großen Streben nach Einheit werden in der Kirche selbst konträre theologische Positionen in gemeinsamen Erklärungen, Leitbildern und Zielprozessen solange aneinander zerrieben, bis auch die letzte Kante und Spitze verschwunden ist. Papier ist schließlich geduldig.

Verhandeln, Beraten, Stuhlkreise auf allen Ebenen. In der Praxis aber bleibt alles beim Alten. Legendär sind da schon die Worte eines ehemaligen Seelsorgeamtsleiters in einer der größeren Diözesen Deutschlands bei der Eröffnungsrede für einen neuen Zukunftsprozess vor seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern: "Haben Sie keine Angst, es wird sich nichts ändern."

Klar ist, dass, wenn sich etwas verändern soll, sich etwas verändern muss. Die alten Zustände werden keinen Bestand haben. Das mag manch einen mit Sorge, ja vielleicht sogar mit existenzieller Angst erfüllen; gerade wenn angesichts der Prognosen zur Entwicklung der Kirchen deutlich wird, dass die Mitgliedszahlen schon mittelfristig enorm zurückgehen werden, bangt man nicht nur in den Ordinariaten um den eigenen Arbeitsplatz. Der Seelsorgeamtsleiter wollte wohl diese Sorge nehmen – und leistete sich den wunderbaren freud’schen Versprecher, der die Wahrheit über kirchliche Zukunftsprozesse offenlegt: Eigentlich ändert sich nie etwas.

Wenn man den Teich trockenlegen will, darf man nicht die Frösche fragen. Wird der jetzt ausgelobte synodale Prozess etwas anders machen? Der nach vielen Seiten offene Brief des Papstes an das pilgernde Gottesvolk bietet da wenig Ermutigung. Die Kirche und ihre Amtsträger gleichen Patienten, die nicht zum Arzt gehen, weil der die Krankheit offenlegen könnte. Wohlgemerkt: Nicht der Arzt macht krank, die Krankheit ist schon da. Solange man im Wartezimmer sitzen bleibt, kann man sich der Illusion der eigenen Stärke noch hingeben. Dann wird auch der synodale Prozess nur ein weiteres Sedativum sein, mit dem man die Symptome und Schmerzen lindert, nicht aber an die Wurzeln der Krankheit geht.

Das Gottesvolk aber pilgert längst weiter – manche mittlerweile schon außerhalb der verfassten Kirche. Ist es für eine Heilung schon zu spät? Die Therapie muss wohl radikal sein, an die Wurzeln gehen. Wenn die schon befallen ist, gibt es gar keine Rettung mehr. Viel Zeit bleibt auf jeden Fall nicht mehr.

Von Werner Kleine

Der Autor

Dr. Werner Kleine ist Pastoralreferent im Erzbistum Köln und Initiator der Katholischen Citykirche Wuppertal.

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